"Markt, Markt und nochmals Markt!"
Die Gottheit bei guter Verfassung halten: Der Neoliberalismus nimmt mehr und mehr Züge an, die schon Ludwig Feuerbach als Basis von Religion charakterisierte
Seit der österreichische Philosoph Eric Voegelin den Begriff "politische
Religion" geprägt hat (1938), um Erscheinungen profaner
Glaubensmanifestation zu charakterisieren, werden Ideologien und politische
Systeme daraufhin untersucht, inwieweit sie "das Göttliche in Teilinhalten
der Welt" verkörpern. Wenig später, 1944, hat der französische Soziologe
Raymond Aron dafür den Terminus "säkulare Religion" eingeführt; er
bezeichnet so "jene Doktrinen, die in den Herzen der Zeitgenossen den Platz
des geschwundenen göttlichen Glaubens einnehmen".
Bevorzugte Demonstrationsmuster für säkulare Gläubigkeit waren Nationalismus
und Nationalsozialismus, orthodoxer Kommunismus, verschiedene Formen des
Personenkultes, aber auch Fortschrittsglaube, Geldfetischismus und die
Heiligsprechung der Arbeit als solcher, wie sie der englische Philosoph und
Historiker Charles Carlyle anempfohlen und später in verschiedene (konträre)
Utopien vom "Neuen Menschen" Eingang gefunden hat.
Ökonomische Phänomene und sie begleitende Theorien sind bisher
vergleichsweise selten unter religionswissenschaftlichen Gesichtspunkten
betrachtet worden. In der kleinen, unvollendet gebliebenen Arbeit
"Kapitalismus als Religion" hat Walter Benjamin 1921 den modernen
Kapitalismus als eine Gesellschaft der gläubigen Aufopferung charakterisiert
- als eine "religiöse Bewegung", die keinen Tag verstreichen lasse, an dem
sie nicht "allen sakralen Pomp" entfalte, um ihn zum "Festtag in dem
fürchterlichen Sinne" zu machen, der die "äußerste Anspannung des
Verehrenden" verlangt. Die religiöse Struktur des Kapitalismus nicht nur als
eine durch den Pietismus begünstigte, ihm quasi entwachsene
Gesellschaftsform zu verstehen, wie Max Weber, sondern als "essentiell
religiöse Erscheinung", wagte Benjamin noch nicht, weil er befürchtete, in
eine "maßlose Universalpolemik" zu verfallen.
Benjamins Ansatz ist unbefriedigend, weil er in der metaphorischen Deutung
stecken bleibt. Er bezieht den Begriff Religion auf die Ganzheit einer
Gesellschaftsformation, also generell auf Leben und Verhaltensweisen der
Menschen einer Epoche. Beim Neoliberalismus liegen die Dinge anders. Mit
diesem Namen verbinden wir Vorstellungen nicht der Gemeinsamkeiten einer
historisch gewachsenen marktwirtschaftlichen Produktionsweise, sondern eine
bestimmte Form oder Gestalt "des Kapitalismus".
Der Neoliberalismus aktiviert Theorien, die ihren Ursprung im bürgerlichen
Wirtschaftsliberalismus des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts haben.
Die Maxime des Klassikers der liberalen Ökonomie, Adam Smith, "Laissez faire,
laissez aller!" wird zwar in der Form gemieden, aber die Illusion vom
"freien Spiel der Kräfte", das den sozialen Ausgleich wie durch eine
"unsichtbare Hand" von selbst regele, wird übernommen. Die Enthaltsamkeit
des Staates gehörte zum Credo der neuzeitlichen Begründer des Liberalismus,
Friedrich von Hayek und Milton Friedman, wobei von Hayek so weit ging, jede
staatliche Regulierung als sozialistische Unterwanderung zu diffamieren.
Der Neoliberalismus ist also eine spezielle, von bestimmten Personen zu
einer bestimmten Zeit propagierte Wirtschaftstheorie. Insofern ist eine
Voraussetzung für religiöses Denken gegeben, die der große
Religionstheoretiker und -kritiker Ludwig Feuerbach als "Basis des Glaubens"
bezeichnet hat: die Differenz zwischen der allgemeinen oder "natürlichen
Vernunft" und einer besonderen, durch "besondere Wahrheiten, Privilegien und
Extemtionen" (Befreiung von allgemeinen Pflichten) herausgehobenen Vernunft.
Der fundamentale Bezugspunkt jedes religiösen Systems ist Feuerbach zufolge
ein absoluter Gedanke (der Gott heißen kann, allumfassende Idee oder wie bei
Hegel höchste Vernunft). Daraus leiten sich weitere genuin religiöse
Besonderheiten ab: der Anspruch, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein,
Intoleranz und Messianismus, Dogmatismus, Hörigkeit verbunden mit einer
Heilserwartung, die "schroffe Abgrenzung von Out-Groups analog zur Scheidung
der Christen von den Heiden" (Hans-Ulrich Wehler).
Feuerbachs Überlegungen sind in die "Dimensionen des Religiösen"
eingeflossen, wie sie von den amerikanischen Religionssoziologen Charles
Glock und Rodney Stark 1965 in Religion and Society in Tension formuliert
und von vielen jüngeren Autoren wie François Bédarida, Jacques Derrida, René
Rémond, Hans-Ulrich Wehler oder Hartmut Lehmann aufgegriffen worden sind.
Legen wir sie einer kritischen Betrachtung der gegenwärtig dominierenden
Wirtschaftstheorie zugrunde, kommen wir zu dem Ergebnis, dass der
Neoliberalismus erstaunlich präzise die Gestalt eines Glaubensystems
angenommen hat.
Schon im Gründungsdokument der ersten internationalen Vereinigung
neoliberaler Ökonomen, der Mont-Pèlerin-Gesellschaft (1947), ist von "einem
schwindenden Glauben (!) an das Privateigentum und an Wettbewerbsmärkte" die
Rede, der wieder herzustellen sei. Der freie Markt war für Friedrich von
Hayek das höchste und letzte Prinzip der gesellschaftlichen Evolution, die
höchste Autorität, von der alle Parameter des Handelns abzuleiten seien -
auch die Legitimation des Staates, die nicht vom Volkssouverän, sondern vom
Erfolg der Wirtschaft ausgeht.
Das Absolute der neoliberalen Schule ist der "freie Markt". In der Praxis
des Shareholder-Kapitalismus entäußert sich die allen gesellschaftlichen
Bedingtheiten übergeordnete Markt-Instanz in der Absolutheit des Gewinns.
Dem Bekenntnis zu dessen Absolutheit hat der Präsident des Instituts für
Wirtschaftsforschung in München, Hans-Werner Sinn, mit dem Deutschland
rettenden Ruf "Markt, Markt und nochmals Markt!" beredten Ausdruck
verschafft. Wenn der Arbeitsmarkt den "reinen Marktgesetzen" unterworfen
wäre, brauchte es keine Arbeitslosigkeit zu geben, wären Kündigungsschutz,
Tarifverträge, Sozialunion europäischer Länder und übrigens auch
Gewerkschaften überflüssig.
Smith' Annahme von der Selbstregulation des Marktes, der alle
gesellschaftlichen Probleme löse, wenn man das Kapital gewähren lässt, ist
ideologisch und daher für religiöse Implikationen besonders anfällig. Schon
Alexander Rüstow (1885 - 1963), einer der Geburtshelfer des Ordoliberalismus,
hatte Smith' "unsichtbare Hand" mit einer "quasi-religiösen Befangenheit"
in der Tradition des Spinozismus erklärt, wonach alles auf der Erde
gottgelenkt sei, demzufolge jede menschliche "Regulierung" schädlich. Der
Markt des Adam Smith und von Hayek setzt voraus, dass alle Kapitaleigner zum
Wohlergehen der Gemeinschaft investieren und für Beschäftigung sorgen; es
ist ein utopischer Markt.
Trotzdem wurde und wird die Theorie der "vollkommenen Märkte" von der
Mainstream-Ökonomie als Garant für Wachstum und soziale Sicherheit
betrachtet. "Diese Hoffnung gründet sich eher auf Glauben - besonders bei
denjenigen, die davon profitieren - als auf Wissenschaft", meinte dazu
Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz. Philippe Burrin und andere
haben nachgewiesen, dass sich säkulare Religionen fast immer mit einem
Mantel pseudowissenschaftlicher Lehren umgeben (Rassentheorie des
Nationalsozialismus, "wissenschaftlicher" Kommunismus), die als
unbezweifelbare, letztgültige Gewissheit verkündet werden. Erinnern wir uns
an die stereotypen Beschwörungen der "Wirtschaftsweisen" und der die
Theorien umsetzenden Politiker: Es gibt keine Alternative. Auch hier eine
vergleichbare Konstellation: Die Behauptung absoluter, theologisch
gesprochen, "göttlicher" Wahrheiten kennzeichnet jeden konfessionellen
Glauben.
Lehre und Lehrsätze des Neoliberalismus sind zu Dogmen erstarrt, die
"gebetsmühlenartig" wiederholt und zu Mythen stilisiert werden. Welche
Bedeutung der Dogmatik in theologischen Systemen zukommt, ist bekannt.
Bezüglich weltlicher Glaubensgebilde war Georg Simmel der Meinung, für alle
"schwach oder gar nicht religiösen Menschen" sei "das Dogma die einzige
Möglichkeit einer irgendwie religiösen Existenz". (Das beste Beispiel
hierfür bietet der orthodoxe Marxismus-Leninismus.) Um nur einige kanonische
Floskeln zu nennen, die ihren Ursprung in den Think Tanks der Neoliberalen
haben: Wenn es den Unternehmen gut geht, geht es der Gesellschaft gut.
Lohnkosten müssen gesenkt werden, um Arbeitsplätze zu schaffen. Die
Arbeitszeit ist zu verlängern, damit durch mehr Produkte die Kaufkraft
gefördert wird. Strengstes Sparen konsolidiert den Staatshaushalt.
Prüfstein der Lehre ist aber die Praxis. Seit Ende der siebziger Jahre hat
die politische Elite gemäß den Ratschlägen der neoliberalen Theoretiker
regiert. Keines der Ziele wurde erreicht. Statt die Arbeitslosigkeit zu
senken, hat sie sich in Deutschland über die Jahre auf einem Stand zwischen
vier und fünf Millionen eingepegelt. Trotz der Sparorgien hat die
Staatsverschuldung in dem betrachteten Zeitraum zugenommen. Die
Sozialsysteme sind labil. Das Ziel des Lissabon-Gipfels, Europa zur
führenden Wirtschaftsmacht zu entwickeln, ist in weite Ferne gerückt. Dessen
ungeachtet wurde dreißig Jahre lang an den neoliberalen Doktrinen
festgehalten. Doch sie halten keiner ernsthaften ökonomischen Prüfung stand,
sondern beruhen auf einem Wunschdenken, das Feuerbach zufolge das
"Grundwesen und Prinzip der Religion" ausmacht.
Man kann noch viele weitere religiöse "Dimensionen" des Neoliberalismus
finden: Vom Markt mit seinen angeblichen Selbstregulierungskräften geht eine
Heilserwartung bzw. ein Heilsversprechen aus - das sich erfüllt, wenn die
Gemeinschaft Opfer erbringt, um die Gottheit Markt in guter Verfassung zu
halten. Verfehlungen müssen gesühnt werden: Die Deutschen haben gesündigt,
weil sie "über ihre Verhältnisse gelebt" haben; jetzt müssen sie durch ein
Tal der Tränen, an dessen Ende Wohlstand, Arbeit und Glück winken. Wer
Alternativen vertritt, wie etwa Oskar Lafontaine, wird als Häretiker aus der
community ausgegrenzt. Die neoliberale Lehre hat sich des Staates bemächtigt
und ist zur Staatsreligion geworden. Dem steht das Paradox nicht entgegen,
dass auch ein Teil des Staates geopfert werden soll, nämlich dessen sozial
regulierende Funktion.
Auf die "Systeme der politischen Ökonomie" bezogen, die Schumpeter zufolge
von der sachgerechten ökonomischen Analyse zu unterscheiden sind, könnten
wir von einem Wirtschaftsglauben oder in Anlehnung an den Begriff
"politische Religion" von "ökonomistischer Religion" sprechen. Alle
Feuerbachschen Wesensbestimmungen von Religion treffen auf den
Neoliberalismus zu. Mit einer Ausnahme: der emphatischen Gefühlsschwelgerei.
Aber auch diese Lücke sucht die Politik, beginnend mit der
Patriotismusdiskussion 2004 und der Kampagne "Du bist Deutschland" eifrig zu
schließen.
Der Autor
JensGrandt ist freier Publizist und Autor des Buches "Ludwig Feuerbach und
die Welt des Glaubens",
das vor kurzem im Verlag Westfälisches Dampfboot erschienen ist.
|