Eine ‚Probe aufs Exempel’, die schief
ging, oder
wie die „Theorien über den Mehrwert“ nicht
zu lesen sind
Im Sozialismus 34/5 widmeten sich Joachim Bischoff und
Christoph Lieber
mit einer längeren Besprechung dem von Hoff, Petrioli,
Stützle und Wolf herausgegebenen Sammelband „Das
Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen
Philosophie“ (Münster 2006). Im Folgenden antworten
die Herausgeber auf die vorgebrachte Kritik.
Als Herausgeber von Das Kapital neu lesen erklären wir
ausdrücklich unsere Dankbarkeit gegenüber Joachim
Bischoff und Christoph Lieber. Die von ihnen geleistete Kritik ist
solidarisch formuliert und spricht inhaltlich wichtige Fragen an. Sie
macht es damit möglich, Differenzen neu zu artikulieren, deren
offene Austragung auch politisch wichtig sein wird.
Allerdings sehen wir uns dadurch zu dieser Replik veranlasst, dass sie
in ihrer Argumentation in einige problematische Vereinfachungen
– und in einem Kernpunkt sogar nachweislich einen wichtigen
Irrtum verfallen. Vorweg möchten wir allerdings auch
anerkennen, dass der Hinweis von Bischoff/Lieber auf „die
ökonomisch-politischen Gesamtanalysen“ (48 rechts)
als ein wichtiger Bestandteil der „ersten Welle“
die von uns umrissene Perspektive – bis in die Gegenwart
hinein – um einen wichtigen Punkt erweitert. Allerdings haben
sie uns nicht davon überzeugen können, dass alle
wichtigen ‚Realanalysen’ als solche bereits das
Verständnis des Marxschen Kapital befördert haben.
Auch in der Frage der Zählung der „Wellen“
können wir einräumen, dass die Frage der Auswirkungen
der Oktoberrevolution auf die Kapital-Lektüre eine genauere
Untersuchung verdient, als unsere Skizze zu leisten vermag und ihre
kurze Zusammenfassung erkennen lässt.
Bischoff und Lieber machen es sich aber nach unserer
Überzeugung mit der Philosophie zu einfach: Die Warnung vor
einer Philosophie als „Wissenschaft vor der
Wissenschaft“ (48 links) ist gegenüber
idealistischen Systemphilosophien oder gegenüber
‚inhaltslogischen’ Entwürfen in der
Nachfolge von Leibniz sicherlich triftig. Sie aber gegenüber
der ‚radikalen Philosophie’ zu erheben, die sich
als eine inkonklusive Tätigkeit begreift, die in theoretische
und politische Debatten eingreift, damit Gedanken geklärt
werden können, bedürfte zumindest einer
näheren Begründung.
Wir sind im Rückblick davon überzeugt, dass ein
‚westdeutscher Althusserianismus’ nie eine
Existenzmöglichkeit gehabt hat – und wollen auch
jetzt keinen solchen auf den Weg bringen. Allerdings teilen wir auch
nicht die von Bischoff/Lieber skizzierte Reduktion der philosophischen
Interventionen Althussers auf die Auseinandersetzung mit den
„ideologischen Tendenzen innerhalb des damaligen
‚Weltanschauungsmarxismus’, … die
ihrerseits selbst im Gewand philosophischer Artikulationen
auftraten“ (48 links). Eben so wenig ihre Interpretation,
Althusser sei es im Kern um eine „Theorie der
Erkenntnisproduktion“ gegangen (48 links) oder er sei dabei
stehen geblieben, sich in einem strukturalistischen Zirkel zu bewegen.
Gewiss hat er, indem er die im ML vorgegebene
‚erkenntnistheoretische’, faktisch
metaphysizierende Privilegierung des dialektischen Materialismus nicht
von Anfang an offensiv destruierte (sondern diesen zunächst
verhalten in eine ‚materialistische Dialektik’
ummünzte, bevor er später dann auf den
‚aleatorischen Materialismus’ setzte), den
Wirkungsgrad seines antistalinistischen Befreiungsschlags unweigerlich
beschränkt. Sicher ist es auch richtig, dass Althusser immer
wieder neue Anläufe unternommen hat, um seine eigene
Tätigkeit als Philosoph und deren Relevanz für die
kommunistische Bewegung möglichst treffend zu reflektieren.
Der Anspruch einer philosophischen Letztbegründung war ihm
dabei aber immer ganz fremd.
In unserem Sammelband haben wir – so gut wir konnten
– den Versuch unternommen, auf eine breite internationale
Debatte in den Gesellschaftswissenschaften und nicht nur in der
Philosophie Bezug zu nehmen. Das bleibt sicherlich Anlass für
vielfältige Einwände und Differenzen, die nur als
solche klar zu artikulieren sein werden. Das bedarf jetzt vorab keiner
weitergehenden Erörterung.
Anders sieht dies mit der zentralen Kritik aus, die Bischoff/Lieber
gegen die von uns vertretene Perspektive auf das Kapital vortragen: Sie
erklären die Frage, „die Differenz der Marxschen
‚Methode’ zur klassischen politischen
Ökonomie“ richtig zu begreifen (48 rechts), bzw. die
Frage der Verortung der „Marxschen Kritik der politischen
Ökonomie ‚zwischen wissenschaftlicher Revolution und
klassischer Tradition’“ [Zitat von Michael
Heinrich] (48 rechts f.] zur „Grundfrage“ bzw. zum
„Referenzpunkt“ jeder ernsthaften
Kapital-Lektüre. Die „Frage des
Verhältnisses von Marx zum vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus“ (49 links)
gehört offenbar für sie zu dieser Problematik.
Deswegen machen sie die „Probe aufs Exempel“ (49
links) anhand von Jan Hoffs Diskussion des Verhältnisses von
Marx zu Hodgskin als „Verhältnis der Marxschen
Kritik zu einem Vertreter der politischen Ökonomie“
(49 links). Dabei führen sie allerdings in actu vor, wie die
Theorien über den Mehrwert nicht zu lesen sind und unterliegen
dabei einer Reihe von signifikanten Irrtümern.
Bevor wir auf die inhaltliche Probleme der Rezension von Bischoff und
Lieber in diesem Punkt eingehen, ist es zweckmäßig,
einige textliche Missverständnisse zu klären.
Erstens: An einem zentralen Punkt ihrer Kritik begehen Bischoff/Lieber
einen Interpretationsfehler hinsichtlich des marxschen Textes in den
Theorien über den Mehrwert. Sie schreiben: „Hoff
ordnet Hodgskin innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie
zunächst richtig ein: `Die bedeutendste Rezeption der Schrift
Verteidigung der Arbeit befindet sich im dritten Teil der Theorien
über den Mehrwert. Marx verweist hier auf das Beweisziel
Hodgskins, die Nichtproduktivität des Kapitals, und begreift
dies als `nothwendige Consequenz der Ricardoschen
Darstellung´ (MEW 26.3/262).´ /293/ Aber was hier
notwendige Konsequenz für den Forschungs- und
Darstellungsprozess von Marx selbst bedeutet, bleibt unterbelichtet.
Hodgskin löst zunächst `die surplus value in surplus
labour´ auf und bleibt somit nicht bei Ricardos `Verwechslung
von surplus value und profit´ (ebd.) stehen, sondern liefert
mit einer solchen entwickelten Mehrwertauffassung selbst einen Baustein
im sozialen Dechiffrierungsprozess der Kapitalmystifikation.“
An der von Bischoff/Lieber angegebenen Textstelle der Theorien
über den Mehrwert schreibt Marx tatsächlich:
„Das erste Pamphlet, die richtige Consequenz aus R. [Ricardo,
JH] ziehend, löst den surplusvalue in surpluslabour auf.
Dieß Gegensatz gegen die Gegner und Nachfolger R´s,
die sich an seine Verwechslung von surplusvalue und Profit
anklammern.“ (MEGA² II.3.4, S. 1397; MEW 26.3, S.
262) Allerdings bezieht sich Marx an dieser Textstelle und mit dieser
Äußerung gar nicht auf Hodgskin, sondern auf einen
anderen Autor, nämlich den bereits zuvor rezipierten Anonymus,
der die Schrift The source and remedy of the national
difficulties… verfasst hat. Das ergibt sich aus Inhalt und
Kontext und ist auch dem MEGA²-Apparatband zu entnehmen.
(Siehe MEGA² II.3, S. 3001) Diese Fehlzuordnung von Bischoff
und Lieber, ist allein schon deshalb unverständlich, weil die
Marx-Editoren nicht nur der MEGA², sondern auch der von
Bischoff/Lieber benutzten MEW klarstellen, auf welches Werk sich die
entsprechende Marx-Passage bezieht. (Siehe MEW 26.3, S. 262) Zweitens
kritisieren Bischoff und Lieber, Hoff würde die ML-Formel von
der marxschen Lehre als Verschmelzung der ideengeschichtlichen Quellen
der deutschen Philosophie, der englischen Ökonomie und des
französischen Sozialismus aufgreifen, ohne sie weiter zu
problematisieren. Diese Formel hat in Hoffs Aufsatz nur den Stellenwert
eines „Aufhängers“, zu dem sie aufgrund
ihres Bekanntheitsgrads – und nicht ihres Inhalts wegen
– geeignet ist. Hoff stützt sich in seiner
Argumentation keineswegs auf sie. So lautet denn auch Hoffs
nächster Satz, der von Marx weg- und zu Hodgskin hinleitet:
„Doch bereits vor Marx gab es Theoretiker, in deren Denken
ökonomische Wissenschaft, philosophische Überlegungen
und ein radikaler Antikapitalismus zu einer Einheit verschmolzen waren.
Thomas Hodgskin dürfte einer der Bekanntesten sein.“
Zum Kritikpunkt, Hoff würde Lenins eingängige Formel
nicht problematisieren, ist zu sagen, dass er sie gar nicht in Lenins
Fassung vorträgt, sondern ohne die verengenden und
irreführenden nationalen Spezifizierungen. Dies stellt eine
wichtige Modifikation dar. In der dazugehörigen
Fußnote schreibt Hoff: „Die Adjektive
`deutsch´ bzw. `englisch´ bzw.
`französisch´ sind hier ausgelassen, da ich diese
Spezifizierung für bisweilen problematisch halte. Adam Smith
und Francois Quesnay z. B. sind geistesgeschichtlich nur vor ihrem
jeweiligen (nicht-englischen) nationalen Hintergrund zu
verstehen.“ Hier liegt sehr wohl eine wichtige
Problematisierung vor, beruht Lenins Formel doch nicht nur auf der Idee
einer Verschmelzung von Philosophie, ökonomischer Wissenschaft
und Sozialismus, sondern auch auf der durch Moses Hess und andere
überlieferten Idee der „europäischen
Triarchie“ mit ihren klar abgegrenzten „nationalen
Zuständigkeitsbereichen“ (wo z.B. allein England die
politische Ökonomie repräsentiert und etwa die von
Marx geschätzten französischen bzw.
französisch-schweizerischen Ökonomen Boisguillebert,
Quesnay, Sismondi und Cherbuliez unter den Tisch fallen). Und zumindest
dieses Element der „Triarchie“ weist Hoff explizit
zurück. Drittens wird ein wichtiger Unterschied, der zwischen
Hodgskins und der marxschen Kritik der Kapitalmystifikation besteht,
von Bischoff und Lieber nicht hinreichend berücksichtigt.
Immerhin sprechen sie selbst von „der
Unzulänglichlichkeit, Einseitigkeit und Betonung des
`Subjektiven´ bei seiner [d.h. Hodgskins]
Kapitalauffassung“. Doch was hat es mit dieser
„Unzulänglichkeit“ und
„Einseitigkeit“ auf sich? Begrenzt bleibt Hodgskins
Auffassung von der Kapitalmystifikation, weil er – wie Hoff
in seinem Aufsatz darlegt – ein konstitutives Merkmal dieser
Mystifikation verkennt, nämlich ihren Charakter als spezifisch
„objektiven“ Schein. Die Mystifikation entsteht auf
der Grundlage des ökonomischen Prozesses selbst. Dies ist mit
der spezifischen „Objektivität“ des
Scheins gemeint. Marx hat dies erkannt und in seiner Hodgskin-Rezeption
diesem vorgeworfen, er erkenne nicht, wie die
„Vorstellungsweise entspringt aus dem Verhältnis
selbst“. Stattdessen führt Hodgskin – und
dies ist auch Marx in seiner Rezeption bewusst – die
Kapitalmystifikation auf intentionale Apologetik seitens
bürgerlicher Ökonomen zurück. Es bleibt zu
resümieren, dass Hodgskin eben kein, in marxscher Perspektive,
vollkommen adäquates Verständnis der
Kapitalmystifikation besaß, denn gerade deren
„objektiver“ Charakter ist ein konstitutives
Merkmal, das für ihr Begreifen maßgeblich ist.
Bischoff und Lieber übergehen diesen wichtigen Aspekt
marxscher Hodgskin-Kritik weitgehend. Nach diesen Klarstellungen,
können wir zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit Bischoff
und Lieber übergehen. Stellen wir zunächst aus ihrer
Kritik die wichtigsten Punkte – außer denjenigen,
die jetzt schon geklärt sind – thesenartig zusammen:
1. Hoff verkennt die Qualität des marxschen Forschungs- und
Darstellungsprozesses als einer Einheit, in der Forschung und
Darstellung permanent ineinander umschlagen; Hoff besitzt keine
„immanente Problemsicht“ auf diese Einheit und kann
nicht erkennen, dass Marx seine „Analyse und
Kritik“ ganz bewusst in den Zusammenhang einer
Auseinandersetzung mit der politischen Ökonomie vor ihm
stellt.
2. Marx verweist auf das differenzierte „intellektuelle
soziale Feld“, in dem sich der theoretische
Entwicklungsprozess abspielt und liefert „selbst schon eine
Art `intellectual history´ für den `vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus´, was die
Herausgeber als Forschungsfeld selbst einfordern“. 3.
Hodgskins Schriften fallen im Vergleich zu den anderen
„proletarischen Gegensätzlern“ in eine
„spätere Zeit, in ein entwickelteres Stadium der
sozialen Antagonismen. Hier `erregten diese Schriften …
bedeutendes Aufsehen´ (MEW 26.3/259)“. (Gemeint
sind in diesem Marx-Zitat Labour Defended und Popular Political
Economy.)
4. In ihnen (Labour Defended und Popular Political Economy) gibt
„Hodgskin den klassischen Ausdruck des proletarischen
Gegensatzes gegen Ricardo.“ Zu 1.: Den Zusammenhang des
Marxschen Forschungs- und Darstellungsprozesses und die
diesbezügliche Bedeutung der Marxschen Auseinandersetzung mit
der vormarxschen politischen Ökonomie verkennen wir keineswegs
(die Formulierung von „einer Einheit, in der Forschung und
Darstellung permanent ineinander umschlagen“ halten wir indes
für problematisch). Und trotzdem hat Hoff die entsprechende,
von Bischoff und Lieber eingeforderte Perspektive in meiner
Untersuchung des theoretischen Verhältnisses Marx-Hodgskin
bewusst nicht eingenommen, da wir der Auffassung sind, dass die von
Bischoff/Lieber geforderte Perspektive nur ein völlig schiefes
und reduziertes Bild von Hodgskin und dessen Stellung innerhalb des
„vormarxschen ökonomietheoretischen
Antikapitalismus“ übrig lässt. Zur
Begründung kommen wir noch.
Zu 1. und 2.: Die erste und die zweite Aussage zielen der Tendenz nach
in entgegengesetzte Richtungen. Ihre Zusammennahme impliziert Probleme,
die Bischoff und Lieber offenbar nicht bewusst sind. Man halte sich
noch einmal die alte Streitfrage nach dem Stellenwert der Theorien
über den Mehrwert vor Augen: Handelt es sich hierbei um den
„4. Band des Kapital“ oder nicht? Die westberliner
Projektgruppe Entwicklung des marxschen Systems stand in dieser Frage
den ostdeutschen Forschern aus dem Umkreis des MEW- sowie des
MEGA²-Projekts gegenüber. Michael Heinrich, der diese
Frage in den 1990er Jahren abermals aufgriff, wendet sich in
überzeugender Weise gegen eine Bezeichnung der
„Theorien“ als vierter Band, weil dort
„der vorliegende Text sehr schnell von einer Darstellung
früherer Theorien in das Protokoll eines
Forschungsprozesses“ umschlägt. Bischoff und Lieber
haben mit ihrer These, dass Marx den eigenen Forschungs- und
Denkprozess innerhalb seiner Auseinandersetzung mit der politischen
Ökonomie vornimmt, grundsätzlich recht. Der marxsche
Forschungs- und Selbstverständigungsprozess war es auch (wenn
auch nicht ausschließlich), der seine Bezüge auf die
theoriegeschichtliche Entwicklung anleitete. Genau diese marxsche
Verortung des eigenen Forschungs- und Denkprozesses in der
Auseinandersetzung mit der politischen Ökonomie hat aber dazu
beigetragen, dass Marx vor allem dasjenige Material aus dem Feld des
ökonomietheoretischen Antikapitalismus
berücksichtigte, für das er unmittelbare Verwendung
hatte. Dies wiederum machte es aber unmöglich, dass Marx seine
Ökonomiegeschichtsschreibung in den Theorien über den
Mehrwert konsequent durchhalten und weiterverfolgen, das
„differenzierte `intellektuelle soziale Feld´
[…], in dem sich der theoretische Entwicklungsprozess
abspielt“ , angemessen darstellen und „selbst schon
eine Art `intellectual history´ für den
`vormarxschen ökonomietheoretischen
Antikapitalismus´“ liefern konnte. Marx bricht im
entsprechenden Abschnitt des dritten Teils der Theorien über
den Mehrwert nach seiner in der Rezeption von Labour Defended
geleisteten Auseinandersetzung insbesondere mit der
Produktivkraftproblematik und dem wichtigen Aspekt der
Kapitalmystifikation, vorerst ab; vielleicht auch deshalb, weil er die
bezweckte theoretische Selbstverständigung erreicht hat. Erst
in Heft XVIII des Manuskripts reicht er die Behandlung der Popular
Political Economy nach (die er trotz ihrer thematischen Vielfalt
längst nicht so intensiv rezipiert). Die
„`intellectual history´ für den
`vormarxschen ökonomietheoretischen
Antikapitalismus´“, die Bischoff und Lieber im
dritten Teil der Theorien über den Mehrwert sehen,
würde also die systematische Behandlung der anonym
erschienenen Schrift The source and remedy of the national
difficulties…, Piercy Ravenstones Thoughts on the funding
system… sowie Labour Defended und Popular Political Economy
umfassen und im Jahr 1827 enden. Aber ist eine „`intellectual
history´ des `vormarxschen ökonomietheoretischen
Antikapitalismus´“ denkbar, die sich allein auf
diese vier Quellen systematisch stützt und nur bis ins Jahr
1827 reicht? Dazu im Folgenden mehr.
Zu 2. und 3. (und beiläufig zu 4.): Innerhalb der
„intellectual history“ des „vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus“ sind
Hodgskins Schriften, auf die sich Marx sowie Bischoff/Lieber hier
beziehen – Labour Defended und Popular Political Economy
– , weder historisch spät, noch innerhalb des
entwickelteren Stadiums der sozialen Antagonismen zu verorten (wie
Bischoff/Lieber es sehen wollen). Dass es dem Leser der
„Theorien über den Mehrwert“ so erscheint,
liegt daran, dass Marx sich mit dem Zeitabschnitt von 1821 bis 1827
begnügt, wobei er drei in rezeptionshistorischer Hinsicht
wirklich bedeutende Schriften dieses Zeitraums auch noch aus seiner
systematischen Bearbeitung ausschließt (William Thompsons
Inquiry von 1824, die vom selben Autor stammende Labour Rewarded von
1827 sowie John Grays Lecture on Human Happiness von 1825). Die
„intellectual history“ des „vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus“ reicht
jedoch, insofern man darunter den engeren Bezugsrahmen der von der
aktuellen Forschung als sog. „ricardianische
Sozialisten“ bezeichneten Autoren versteht , von Thompsons
Inquiry (1824) über Hodskins Labour Defended und Popular
Political Economy (1825 und 1827), über John Grays Lecture on
Human Happiness (1825), über Thompsons Labour Rewarded (1827),
über Hodgskins The Natural and Artificial Rights of Property
Contrasted (1832) bis hin zu John Francis Brays Labour´s
Wrongs and Labour´s Remedy (1839). Setzt man – an
Marx anschließend – die zwei Schriften des Anonymus
und Ravenstones hinzu, so kommt man auf einen zeitlichen Rahmen von
1821 bis 1839, innerhalb dessen eher die durch die Chartistenbewegung
geprägten 1830er Jahre als entwickelteres Stadium des sozialen
Antagonismus zu qualifizieren sind. Sicherlich ragt Hodgskins Labour
Defended (1825) – viel weniger aber seine beiden anderen
Schriften (von 1827 und 1832) – in theoretischer Hinsicht aus
diesem Autorenkreis heraus, doch ist dies offenbar kaum mit dem
jeweiligen Stadium der sozialen Antagonismen zu erklären.
Nun zum bedeutenden Aufsehen (siehe MEW 26.3/259), auf das Marx
– und an diesen anschließend Bischoff/Lieber
– mit Blick auf Labour Defended und Popular Political Economy
hinweisen. In der Tat erregten diese Schriften bedeutendes Aufsehen:
sie riefen die Kritik von Apologeten des Kapitals wie Charles Knight,
Thomas Cooper, G. J. Poulett Scrope sowie von James Mill hervor
(besonders gegen Labour Defended). Allerdings ist fraglich, ob Marx die
– gerade mit Blick auf das „intellektuelle soziale
Feld“, von dem Bischoff/Lieber reden – wichtigste
Reaktion überhaupt kannte. Hierbei handelt es sich um William
Thompsons Labour Rewarded von 1827, die eine ausführliche
Polemik gegen Hodgskin enthält und hinsichtlich der
Auseinandersetzung zwischen den beiden bedeutendsten
Strömungen antikapitalistischer politischer Ökonomie
– der individualistischen und durch bürgerliche
Sozialphilosophie (Locke) inspirierten, sowie der kooperativen,
owenistisch-utilitaristischen – die wichtigste Quelle
überhaupt darstellt. Auf die 4. These von Bischoff/Lieber ist
nur kurz einzugehen. Hodgskin kann keinen klassischen Ausdruck des
proletarischen Gegensatzes gegen die bürgerliche politische
Ökonomie darstellen, weil es diesen Gegensatz in
„klassischer Form“ gar nicht gibt. Es gibt nicht
das eine Paradigma, auf das die antikapitalistische Ökonomie
in ihrer theoriehistorischen Entwicklung zuläuft. Dieser
Eindruck mag durch die marxsche Argumentation im dritten Teil der
Theorien über den Mehrwert entstehen, aber er spiegelt nur den
zugleich verengten und zugespitzten marxschen Problemhorizont wider.
Statt einer Theorieentwicklung hin zu einer „klassischen
Form“ gibt es ein Spannungsfeld äußerst
heterogener Theorieansätze mit den einander diametral
gegenüberstehenden Polen Hodgskin und Thompson in den 1820er
Jahren, das in den 1830er und 40er Jahren in einem totalen
Theorieeklektizismus in Gestalt der linkschartistischen
„Integrationsideologie“ Bronterre
O´Briens seine Auflösung fand.
Dass Marx auf diesen für das „intellektuelle soziale
Feld“, welches eine „intellectual
history“ des vormarxschen ökonomietheoretischen
Antikapitalismus darzustellen hätte, geradezu entscheidenden
Gegensatz zwischen Hodgskin und Thompson im dritten Teil der Theorien
nicht systematisch eingeht, zeigt, wie eng sein dortiger Horizont ist
– unabhängig von der Frage, ob er Labour Rewarded
kannte oder nicht. Eng ist er deshalb, weil Marx nur ganz bestimmten
Fragestellungen nachgeht, um theoretische Selbstverständigung
bezüglich bestimmter ökonomischer Probleme zu
erlangen. Ein weiteres Argument dafür, wie unangebracht
Bischoffs/Liebers Hinweis auf das „intellektuelle soziale
Feld“ und auf das Erregen „bedeutenden
Aufsehens“ ist (auch wenn letztere Bemerkung von Marx
stammt), wird deutlich, wenn man sich das Nichtvorhandensein einer
systematischen Rezeption von Hodgskins The Natural and Artificial
Rights of Property Contrasted (1832) im entsprechenden Abschnitt der
„Theorien“ vor Augen hält. Marx hat diese
Schrift in den „Beiheften“ von Mai/Juni 1863
exzerpiert und auch im Kapital erwähnt. Gerade im Hinblick auf
Erörterung des „intellektuellen sozialen
Feldes“ hätte er aber – falls der
entsprechende Abschnitt der Theorien wirklich als eine
„intellectual history“ des vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus konzipiert gewesen
wäre – ausführlich auf sie eingehen
müssen, denn hierbei handelt es sich um eine hodgskinsche
Schrift, die (vermittelt über ihre Rezeption durch Bronterre
O´Brien und die Verbreitung ihrer Thesen in den Spalten des
Poor Man´s Guardian) eine enorme Breitenwirkung erzielte. Und
dies gerade – um mit Bischoff/Lieber zu sprechen –
in späterer Zeit, in einem gegenüber den 1820er
Jahren viel entwickelteren Stadium der sozialen Antagonismen.
Was ist mit Vom menschlichen Glück von John Gray? Diese
Schrift von 1825 wurde dem modernen Forschungsstand zufolge
„in ihrer Zeit viel gelesen und zitiert“ , war also
innerhalb des von Bischoff/Lieber angesprochenen
„intellektuellen sozialen Feldes“ wirksam (dagegen
schreibt Marx selbst über die von ihm untersuchte anonyme
[evtl. von Charles Dilke verfasste] Schrift von 1821, sie sei ein
„kaum bekannte[s] Pamphlet“ [MEGA² II.3.4,
S. 1370]). Wirft man einen Blick ins Literaturregister
sämtlicher bis dato veröffentlichter
MEGA²-Bände der zweiten und der vierten Abteilung, so
findet sich (genau wie bei Labour Rewarded) kein einziger Hinweis auf
Grays Lecture on Human Happiness. Marx hätte diese wichtigen
Arbeiten aufgrund ihrer beträchtlichen Verbreitung kennen
können und auf jeden Fall intensiv studiert haben
müssen, wenn er den entsprechenden Abschnitt des dritten Teils
der „Theorien“ wirklich als eine
„intellectual history“ des vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus konzipiert
hätte. Und wieso hätte sich eine
„intellectual history“ des vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus auf
Großbritannien beschränken sollen, wenn doch
– wie Marx und Engels in der Deutschen Ideologie bemerkten
– auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans eine
„eigne sozialistisch-demokratische Schule“ (MEW 3,
S. 476) existierte? Owen, Thompson, Hodgskin und Gray wurden auch in
den USA gelesen und inspirierten dortige kritische und
antikapitalistische ökonomische Denker. Nur um eine Auswahl zu
nennen: Daniel Raymonds Thoughts on Political Economy (1820), Langdon
Byllesbys wichtige Schrift Observations on the Sources and Effects of
Unequal Wealth (1826), William Heightons An Adress to the Members of
Trade Societies, and to the Working Classes Generally: Being an
Exposition of the Relative Situation, Condition, and Future Prospects
of Working People in the United States of America (1827), William
Maclures Opinions on Various Subjects, Dedicated to the Industrious
Producers (1831). Welches dieser Werke taucht in den
“Theorien über den Mehrwert” auf? Kein
einziges. Dass die Theorien über den Mehrwert hinsichtlich des
US-amerikanischen Pendants zu den „ricardianischen
Sozialisten” der Alten Welt eine Leerstelle aufweisen, mag
dazu beigetragen haben, dass Theorie und Wirkung dieser amerikanischen
Denker viel weniger erforscht sind. An dieser Stelle wäre im
Hinblick auf die von Marx vorgenommene theoriehistorische Verortung
Hodgskins als Konsequenz aus Ricardo auf Hodgskins Quellenbasis
einzugehen. Wenn Hoff schreibt, dass Marx hier „auf das
Beweisziel Hodgskins, die Nichtproduktivität des
Kapitals“ verweist und dies „als `nothwendige
Consequenz der Ricardoschen Darstellung´“ begreift,
so gibt er hier zunächst nur die marxsche Perspektive wieder
– die wir für viel zu verengt halten, um als
Maßstab für eine generelle theoriegeschichtliche
Verortung Hodgskins dienen zu können. Aus
Platzgründen kann hier nicht auf die neuere
Forschungsdiskussion zur Quellengrundlage und theoriehistorischen
Verortung von Hodgskins Denken eingegangen werden. Die von ihr
aufgeworfenen Fragen können nur kurz benannt werden: Spielt
für Hodgskin nicht etwa Adam Smith eine viel
größere Rolle als Ricardo, so dass man Hodgskin als
„Smithian Socialist“ bezeichnen muss, wie Noel
Thompson behauptet? Hat Hodgskin nicht etwa im Ricardianismus seinen
Hauptgegner gesehen, wie Samuel Hollander behauptet? Ist es aufgrund
der theoretischen Inspiration durch die Philosophie John Lockes nicht
sogar legitim, Hodgskin als „Lockean Socialist“ zu
bezeichnen, wie Gregory Claeys einen Forschungstrend zusammenfasst? Was
ist mit dem Einfluss von William Godwin auf Hodgskin? Oder ist
– wie David Stack behauptet – Hodgskins wichtigste
und letztlich entscheidende Inspirationsquelle sogar darin zu sehen,
dass seinem Antikapitalismus eine fundamentale theologische
Weltauffassung zugrunde liegt? Letzteres mag schier unglaublich
für all diejenigen klingen, die Hodgskin nicht oder nur kaum
im Original und stattdessen nur aus den Theorien über den
Mehrwert kennen. Um erneute Fehlinterpretationen zu vermeiden: Wir
verweisen hier auf Fragen, nicht auf Antworten. Aber eines ist klar:
Wer die Frage nach der hodgskinschen Quellenbasis allein anhand des
dritten Teils der Theorien über den Mehrwert stellen oder gar
beantworten will, der kommt nicht weit. Denn die marxsche Perspektive
auf Hodgskin ist dort viel zu beschränkt. Dass Marx sich
andernorts (in einem Exzerpt aus Manchester) und zu anderer Zeit (1845)
gerade darum bemühte, die Vielfältigkeit der
Quellenbasis eines sog. ricardianischen Sozialisten festzuhalten, zeigt
ein Hinweis auf William Thompson: „eine widerspruchsvolle
Combination von Godwin, Owen und Bentham.“ (MEGA²
IV.4, S. 245)
Fazit: Es kann keine Rede davon sein, dass Marx im dritten Teil der
Theorien über den Mehrwert das „intellektuelle
soziale Feld“, auf dem sich der theoretische
Entwicklungsprozess vom Anonymus bis Bray abspielte, differenziert
darstellen konnte oder wollte. Zu deutlich sind die blinden Flecken, zu
groß sind die Leerstellen. Es ging Marx (nicht allein, aber
mitunter) durchaus darum, in der Auseinandersetzung mit
antikapitalistischen politischen Ökonomen, die nach der
Veröffentlichung von Ricardos Principles publizierten,
Selbstverständigung hinsichtlich seiner eigenen theoretischen
Probleme zu erlangen. Beides auf einmal – wie Bischoff und
Lieber suggerieren –, d. h. eine hinreichend differenzierte
theoriehistorische Darstellung und sein eigener Forschungs- und
Selbstverständigungsprozess, waren nicht unter einen Hut zu
bringen. Eine „`intellectual history´ für
den `vormarxschen ökonomietheoretischen
Antikapitalismus´“ muss sich auf die Einsichten in
den Theorien über den Mehrwert stützen –
doch ist es ein Irrglauben, eine solche dort zu finden zu
können. Dafür ist die marxsche Herangehensweise zu
selektiv und seine dortige Quellenbasis viel zu dünn.
Abschließend noch einmal zu 1.: Mit dem Insistieren auf der
Bedeutung der marxschen Formanalyse, gegen das Bischoff und Lieber ihre
Kritik richten, sind selbstverständlich noch nicht alle
Probleme des theoretischen Verhältnisses der marxschen Kritik
der politischen Ökonomie zum vormarxschen Antikapitalismus
geklärt – aber dies ist eine conditio sine qua non
für eine angemessene Bearbeitung dieser Problematik.
Wer jedoch die Aufgabe, Klarheit in das marxsche Verhältnis zu
Denkern wie Thomas Hodgskin zu bringen, ernst nimmt, der darf die von
Bischoff und Lieber geforderte immanente Sichtweise im Hinblick auf den
marxschen Forschungs- und Darstellungsprozess gerade nicht einnehmen.
Denn wenn man das marxsche Verhältnis zu Hodgskin einseitig
auf den Kontext des marxschen Forschungs- und Denkprozesses innerhalb
seiner Hodgskin-Rezeption bezieht, erfolgt eine Zuspitzung der
Perspektive auf die spezifischen Fragestellungen, mit denen sich Marx
– mitunter in seiner theoretischen Arbeit der
Selbstverständigung über bestimmte
ökonomische Probleme – an Hodgskin abarbeitet. Mit
diesem extrem verengten Problemhorizont lässt sich weder das
Verhältnis von Marx und Hodgskin, noch Hodgskins Stellung in
der „intellectual history“ des vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus klären
– und schon gar nicht Hodgskins Quellenbasis. Denn sowohl
Hodgskins Denken als auch der Kontext des „intellektuellen
sozialen Feldes“, in dem es anzusiedeln ist, sind reicher und
vielfältiger als es der marxsche Blick darauf widerspiegelt.
Der Versuch, eine „intellectual history“ des
vormarxschen ökonomietheoretischen Antikapitalismus in den
Theorien über den Mehrwert zu finden, führt auf einen
Holzweg. Dies ist umso bedauerlicher, als die Erforschung dieses
ideengeschichtlichen Zusammenhangs aus einer an marxscher Theorie
orientierten Perspektive immer noch am Anfang steht. Es ist hier
notwendig, mit Marx über Marx hinauszugehen.
Eine allerletzte Anmerkung. In der Einleitung von Das Kapital neu lesen
verweisen wir auf die Notwendigkeit der „adäquate[n]
Kenntnis der von Marx rezipierten Autoren […], welche
[…] nicht allein aus der Lektüre von
Marx´ Manuskripten gewonnen werden kann.“
Bischoffs/Liebers Missverständnisse über die
„intellectual history“ des vormarxschen
ökonomietheoretischen Antikapitalismus und Hodgskins Rolle
darin wären auf der Grundlage einer adäquaten
Kenntnis der Werke von Hodgskin, Thompson etc. gar nicht
möglich. Diese adäquate Kenntnis kann nur die
Lektüre ihrer Werke im Original vermitteln. Die
Lektüre der Theorien über den Mehrwert, auf die
allein sich Bischoff und Lieber in ihrer Kritik stützen, muss
diesbezüglich als Ergänzung, kann aber nicht als
Ersatz dienen.
Nicht alle müssen Hodgskin im Original lesen. Aber wer die
‚intellectual history’ des Antikapitalismus
begreifen oder darstellen will, wird nicht darum herum kommen.
Vielleicht ist es hier auch nicht verkehrt, ausdrücklich klar
zu stellen, dass wir nicht vorschlagen, alle, die theoretisch und
praktisch für eine Emanzipation der heutigen Gesellschaften
von der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise arbeiten,
sollten sich von nun an auf radikale Philosophie verlegen. Uns
genügt schon, wenn überhaupt anerkannt wird, dass
zwar die ‚konkrete Analyse der konkreten Situation’
in dieser Hinsicht die ‚Königsdisziplin’
darstellt, dass es aber keinen ‚Königsweg’
dahin gibt. Gerade deswegen sollten aber auch Bischoff/Lieber zugeben,
dass es seinen Nutzen hat, wenn zumindest einige sich der Aufgabe
widmen, Hindernisse und Fallstricke philosophisch zu untersuchen, die
sich in unseren Erkenntnisprozessen nachhaltig störend
bemerkbar machen können, wenn immer nur wissenschaftlich
‚an der Sache’ (und oft genug an der Sache vorbei)
diskutiert wird – und auch Marxens langen Weg zum Kapital in
dieser Weise nachvollziehen.
Jan Hoff, Alexis Petrioli, Ingo
Stützle, Frieder Otto Wolf in: Sozialismus 9/2007"
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