Wohin führt der Linksruck?
Hinter dem sehr unspektakulären Namen "Neue Optionen lateinamerikanischer Politik", mit dem der bereits 29. Band des renommierten Lateinamerika-Jahrbuchs erscheint, verbirgt sich eine wirklich spannende Auseinandersetzung mit den Fragen, die der sogenannte Linksruck in Lateinamerika aufwirft: Ist Lula ein Verräter oder ein Gefangener der Sachzwänge? Gibt es ein Modell Chávez, das über Venezuela hinaus Gültigkeit beanspruchen kann? Ist Néstor Kirchner ein Populist oder ein mutiger Reformer? Nicht alle diese Fragen werden von den Autoren, die mit hoher Kompetenz über ihr Gebiet berichten, auch wirklich beantwortet. Aber sie liefern Kriterien und Argumente, mit denen eine Beurteilung der Entwicklungen erleichtert wird.
So versucht der Historiker Dawid Danilo Bartelt der Lula-Regierung in Brasilien Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Nach seinem Urteil war der wirtschaftspolitische Spielraum des Hoffnungsträgers nicht nur durch die ökonomischen Rahmenbedingungen weltweit, sondern auch schon durch seine Koalition mit rechten Parteien stark eingeschränkt. Trotz der Enttäuschung eines Teils der Linken und der Abwanderung von prominenten Mitstreitern der PT sowie der Korruptionsskandale im Kongress zieht der Autor eine positive Bilanz. Er hält es für möglich, dass die Reformen, die Lula versprochen und nicht umgesetzt hat, in der zweiten Amtszeit angegangen werden können.
Argentiniens "unerwarteter Präsident" Néstor Kirchner wird von taz-Korrespondent Ingo Malcher als zwiespältige Person dargestellt. Auf der einen Seite hat er gegenüber den internationalen Finanzinstitutionen mit seinem Zahlungsmoratorium hoch gepokert und vorerst gewonnen. Er lässt Organisationen wie die Piqueteros, die von der Bevölkerung zunehmend als lästig empfundene Arbeitslosenbewegung, nicht niederknüppeln, sondern vereinnahmt sie und genießt noch immer hohe Popularität auch bei der Linken. Andererseits neigt er zu autokratischen Entscheidungen, die ihn innerhalb der Peronistischen Partei isolieren. Malcher sieht die anti-neoliberale Politik als zu wenig nachhaltig und fürchtet, dass auch Kirchner bei der nächsten Krise seine Grenzen schnell erkennen wird.
Besonders schwer tun sich die Herausgeber des Jahrbuchs mit dem venezolanischen Caudillo Hugo Chávez. Ihm werden gleich zwei Kapitel gewidmet. Der inzwischen emeritierte Lateinamerikanist Klaus Meschkat versucht in einer persönlich gehaltenen Bilanz seines jüngsten Venezuela-Besuchs zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen. Es gelang ihm selbst unter seinen alten Freunden und Kontaktpersonen nicht, Leute zu finden, die nicht mit aller Leidenschaft für oder gegen den umstrittenen Ex-Offizier engagiert wären. Der Tübinger Politologe Andreas Böckh analysiert dann die konkreten politischen und wirtschaftspolitischen Schritte der sogenannten Bolivarianischen Revolution und versagt sich ein Gesamturteil. Sicher ist für ihn, dass sich die Hinwendung zu den verarmten Schichten des ölreichen Landes nicht auf die Diskursebene beschränkt. Linke Intellektuelle tun sich aber mit dem messianischen Auftreten des polternden Antiimperialisten genauso schwer, wie Medienleute. Das ist wohl auch der Grund, warum die tatsächlichen Errungenschaften dieser Regierung hinter Berichten über die Konfrontation mit der ebenso breiten wie zersplitterten Oppositionsbewegung unterbelichtet bleiben.
Beiträge über Bolivien vor der Wahl von Evo Morales, Chiapas elf Jahre nach dem Zapatistischen Aufstand sowie über das von Lateinamerika ausgegangene Weltsozialforum runden die Tour d'Horizon über die Linkswende ab. Sie geben jeder und jedem, der/die über ausreichend Grundinformation verfügt, die Informationen und Einschätzungen, um die kommenden Entwicklungen verstehen zu können.
von Ralf Leonhard in: Lateinamerika anders
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