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Manchmal zweifele ich, wenn ich Ankündigungen von
Neuerscheinungen lese: Klingt interessant, wäre wichtig. Aber ist
das nicht nur Lesestoff für Spezialisten? Die beiden Publikationen
aus dem Verlag Westfälisches Dampfboot verbinden Kompetenz mit
engagierter, verständlicher Vermittlung. Sehr zu empfehlen.
Von heiligen Kühen einer unheilen Welt
Hans Wienold ist Soziologe, hat sich in Deutschland mit Gewerkschaften
sowie mit Fragen der Erwachsenenbildung befasst, aber auch mit der
Wanderarbeit und mit ökologischen Problemen in sogenannten
Entwicklungsländern. Obwohl heute der Kapitalismus da wie dort die
Lebensumstände bestimmt: Es sind und bleiben sehr unterschiedliche
Welten. In den Megastädten wie in ländlichen Regionen des
Südens stellt sich die „Frage nach den
Überlebensmöglichkeiten der Marginalisierten und
Überflüssigen“ täglich konkret. Mit der
Unterordnung aller Welt unter die globalen Kapitalströme haben
sich Ausbeutung und Raubbau verschärft. „Widerstand und
solidarischer Neubeginn“ werden darum, wie die
eindrücklichen Berichte des Autors aus Indien und Brasilien
zeigen, zur Notwendigkeit. Sie müssen vor Ort beginnen.
Ansätze dazu gibt es. Aber „ohne Änderung der
Weltagrarordnung wird das Dumping der Produkte der hoch
subventionierten Landwirtschaften des Nordens auf den Weltmärkten
erbarmungslos die kleinen Produzenten im Süden weiter von den
Feldern vertreiben.
In präzisen Analysen, die zum Teil auf eigenen Forschungen
basieren, zeigt der Autor, wie dieser Prozess abläuft. Einleitend
zu Indien ein „Requiem für heilige Kühe“. Schon
da zeigt sich, wie komplex die Vermengung alter kultureller Muster mit
neuen Einflüssen insbesondere in der Peripherie ist. Seit die
heiligen Kühe des freien Marktes die Ökonomie bestimmen,
könne wohl auch die Subsistenzwirtschaft kein
„politisch-utopische Fluchtpunkt“ mehr sein. In vielen
kleinbäuerlichen Haushalten des Himalaja-Vorgebirges, das sich
über den ganzen Norden des Subkontinents hinzieht, wird das
Überleben nur durch die Migration aller Männer im
Erwerbsalter gesichert. Das erschwert eine nachhaltige Bewirtschaftung
des Bodens, befördert den ökologischen Niedergang und macht
die Region vom Geldtransfer der Wanderarbeiter abhängig. Diese
stehen „bei der Rückkehr nach fünfzehn- oder
zwanzigjähriger Abwesenheit einer veränderten Umwelt
gegenüber, für deren Entwicklung sie sich nicht
verantwortlichen fühlen können“. Speziell dramatisch
ist die Lage in Südindien, wo Agroindustrie und Agrobusiness
‚dank’ Weltbank und WTO radikal Einzug gehalten haben. Die
aufgenötigte Wirtschaftsweise treibt unzählige Kleinbauern in
eine tödliche Verschuldungsspirale. Nachrichten über die auf
Preisstürze oder klimatische Katastrophen folgenden
Selbsttötungswellen dringen zuweilen bis zu uns durch. Wienold
zeigt detailliert und differenziert, wie die verhängnisvollen
Verstrickungen entstehen. Als zum Beispiel der Einstieg in die
Baumwolle propagiert wurde, erhofften sich davon besonders initiative
Jungunternehmer viel. Sie investierten mit Geld von privaten Verleihern
zu hohen Zinssätzen in neue Brunnen. Viele dieser teuren Brunnen
trockneten jedoch im Agrarjahr 1997/98 aus. „Einige dieser Bauern
nahmen sich das Leben, indem sie sich in ihren Brunnen stürzten.
Die meisten jedoch nahmen ihre Pestizide ein und verwiesen auf diese
Weise auf die Herkunft ihres Unglücks.“ Denn begonnen hatte
die „modernisierte Armut“ mit den Monokulturen, mit der
Hoffnung auf schnellen Wohlstand, mit den untragbaren Risiken der
konjunkturellen Schwankungen des Marktes. In diesem Chaos ging vor
allem denen, die sich vollständig auf Landwirtschaft mit
industriellen Inputs eingelassen hatten, vorzeitig der Atem aus.
Im zweiten Teil , der die Entwicklungen in Brasilien beleuchtet, werden
ähnlich brutale Strukturen sichtbar. Hier schlagen sie sich
weniger in Selbsttötungen, aber nur zu oft in Morden nieder.
Gewalt und Gesetzlosigkeit prägen den Kampf um Land in Amazonien,
wo der Zentralstaat „rücksichtslos die Marktkräfte
entfesselt, ohne die entsprechenden Institutionen und Infrastrukturen
für die Menschen zu schaffen“. Verbunden ist die auf den
Export ausgerichtete Agrarexpansion nach dem Abholzen des Regenwaldes
mit Schuldknechtschaft und kaum verdeckter Sklaverei. „Bis in die
neunziger Jahre sahen viele Untersuchungen in den kleinen Siedlern und
kleinen Farmern die Hauptakteure der Entwaldung.“ Das ist heute
anders. In den Metropolen des Mato Grosso sind die Grossen der
multinationalen Agroindustrie präsent; die Sojaproduzenten rufen
nach Asphaltierung der Strassen, um ihre Produkte schneller und
billiger zu den Häfen zu bringen. Beschäftigungslose, zuvor
nicht selten von Flächen vertrieben, die sich als Pioniere
bewirtschaftet hatten, werden nun in den Elendsquartiere als
Landarbeiter angeworben und mit Geldvorschüssen für
Transporte oder Lebensmittel abhängig gemacht. Wer den meist
erbärmlichen Verhältnissen wieder entfliehen will, sieht sich
durchaus ernstzunehmenden Toderdrohungen ausgesetzt. Agrarunternehmen
arbeiten kaum verdeckt mit sogenannten Pistoleiros und privaten
Sicherheitsdiensten zusammen, denen auch der Schutz nicht genutzter
Ländereien übertragen wird. Landbesetzungen und Vertreibungen
lösen sich ab. Wer bei Gewerkschaften oder in der
Landlosenbewegung aktiv ist, muss mit gezielter Ermoderung rechnen.
Faktisch herrscht Strafffreiheit, weil die Justiz in der Region nicht
durchgreifen kann oder Will. Damit diesbezüglich keine Illusion
bleibt: „In den ersten Jahren der Regierung Lula nahmen
Gewalttätigkeiten im Zusammenhang agrarischer Konflikte eher zu
als ab.“
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