Verlag WESTFÄLISCHES DAMPFBOOT

Die windige Internationale. Rassismus und Kämpfe der Migration


In "Die windige Internationale" verbindet Manuela Bojadžijev kritische Rassismustheorien mit der Geschichte der Migration nach Deutschland und entwickelt anhand dessen eine relationale Theorie der Konjunkturen des Rassismus. Mit der Beschreibung der sozialen und politischen Kämpfe der MigrantInnen wird ein bislang völlig unbearbeiteter Teil der deutschen Migrationsgeschichte auf hohem wissenschaftlichen Niveau eröffnet. Der Beweggrund der Autorin ist jedoch nicht die Geschichtsschreibung dieser Kämpfe als solches - obwohl die Liebe zum Detail durchaus etwas anderes vermuten lassen würde - , sondern sie sieht es als Ausgangspunkt, anhand dieser eine relationale Theorie des Rassismus zu entwickeln, die in der Lage ist, seine historischen und aktuellen Konjunkturen präzise zu bestimmen. Sie untersucht die Geschichte der Migration unter drei Aspekten: Einwanderungspraktiken als soziale Bewegung, Arbeitskämpfe sowie die Auseinandersetzungen in den Bereichen der Reproduktion. Insbesondere arbeitet sie die Selbstorganisierung innerhalb der Betriebskämpfe und des Alltags von MigrantInnen der 1960er und 70er Jahre sowie deren antirassistischen Gehalt heraus. Die ArbeiterInnenstreiks gingen Hand in Hand mit Protesten der MigrantInnen gegen rechtliche Diskriminierungen und für bessere Wohn- und Bildungsbedingungen. Ihren Fokus legt die Autorin auf Formen autonomer Organisierung, also Kämpfe und Protestformen außerhalb der Parteien und Gewerkschaften. Diese Aufarbeitung des Widerstands kombiniert Bojadžijev mit Überlegungen zu einer Rekonzeptualisierung von Rassismus als sozialem Verhältnis. Wenn Rassismus sein "Objekt" - "den" Deutschen und "den" Ausländer - erst produziert, dann wäre eine, selbst als "sozial konstruiert" verstandene Identität, keine geeignete Grundlage für dessen Analyse, denn erst der Konflikt bringt die Opponenten in dieser, ihrer Identität hervor. Eine solche Theorie nimmt also die Auseinandersetzungen gegen Rassismus zu ihrer Grundlage und nicht die Subjekte, die der Rassismus erst produziert. Eine der Lösungen sei es, "Identitätspositionen aufzulösen" - was in der Praxis schwieriger zu bewerkstelligen ist als in der Theorie. Die drei von der Autorin zu Beginn dargestellten historischen Stufen des Rassismus, der universelle, der superiore und der differentielle Rassismus, traten nie in reiner Form auf, sondern waren in den verschiedenen geographischen Räumen, Zeiten sowie Formen der Unterwerfung miteinander verschränkt. Dieser Überblick über rassismustheoretische Debatten in Deutschland, knüpft am Schluss an den aufgeworfenen Fragen hinsichtlich der neu zu erarbeitenden Rassismusanalyse an und beantwortet sie teilweise mit der Weiterentwicklung der Theorien Fanons, Althussers und Negris. Die dem Buch zugrundeliegenden zentralen Thesen, die "Konjunkturen des Rassismus" und "singuläre Historizitäten" führen zu der dritten und als wichtigst erscheinende These, nämlich dass sich Rassismus immer wieder verändert. Die Migrationsbewegungen müssen sich organisieren und die sie in ihrer Mobilität begrenzenden Bestimmungen unterlaufen, was auch bedeutet, dass sie sich gegen die sich transformierenden Formen des Rassismus stellen müssen. Die Autorin, die als Aktivistin von Kanak Attak und fundierte kritische Migrationsforscherin bekannt ist, postuliert auch hier das Konzept der "Autonomie der Migration", das abseits von glorifizierenden Vorstellungen von MigrantInnen als "revolutionäres Subjekt" agiert. Sie bietet eine Analyse von migrantischen Kämpfen, eingebettet in einen theoretisch höchst anspruchsvollen Rahmen. Viele der gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie der migrationspolitischen Entwicklungen in Deutschland scheinen zeitverzögert von Österreich übernommen worden zu sein und auch die Geschichtsschreibung der Migration beschränkt sich auf diese Blickwinkel. Die Frage, die sich nun stellt bzw. aufdrängt, ist jene, ob es hierzulande keine vergleichbaren Kämpfe gab, oder vielleicht auch nur keine derart ausführliche Recherche und Überlieferung darüber. Es bleibt zu hoffen, dass das spannend zu lesende Werk Motivation ist, eine entsprechende Geschichtsschreibung der migrantischen Kämpfe in Österreich zu recherchieren und zu publizieren.


I.M. in asyl aktuell 3/2008, S. 42

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