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Verlag WESTFÄLISCHES DAMPFBOOT |
Vom Nutzen der antiken Sophistik für eine demokratische Politikfähigkeit heute |
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Zum kulturellen Konservativismus neigende Ältere gehen davon aus, dass der Bezug zur Antike bei den Jüngeren nicht nur gestört, sondern im Grunde verloren ist. Die Generation der heute Dreißigjährigen, so das Urteil, scheint im Wesentlichen zu glauben, dass die Weltgeschichte 1945 begann und dass davor ein nur mühsam verdeckter Naturzustand herrschte, der mit der Shoa und dem Gemetzel des Zweiten Weltkrieges sich selbst gewaltsam beendete. Ein solches latentes Urteil wird durch die Schrift des knapp dreißigjährigen Daniel von Fromberg widerlegt, der sich der griechischen Sophistik annimmt und dies in einer ebenso kundigen wie mutig interdisziplinären Annäherung, welche Historie, Politikwissenschaft und Philosophie miteinander zu kombinieren sucht. Dass es dabei über große Strecken zu Referaten über bekannte Tatsachen und Ereignisse kommt, ist insofern kein Einwand, als jede Generation sich ihren Zugang zu einem so komplexen Thema wie «antike Sophistik» selbst schaffen muss.
Diese Zugangsverschaffung erreicht der Autor dadurch, dass er – ein methodisch einfacher, aber heute leider allzu wenig beherrschter und praktizierter Kunstgriff – Literatur zur Antike nicht nur zitiert, sondern ihr so nachgeht, dass er auf die Originaltexte und deren Eigenleben führt. Auf diese Weise durchzieht das Buch eine Wegform, die kaum je bei einer Literaturrevue stehen bleibt, sondern die es versteht, den Leser mit einem authentisch wirkenden Bild der Entstehung der attischen Demokratie zu konfrontieren. Es findet ein mediales Medias in res statt. Was erbringen die Überlegungen nun für unser Verständnis der überlieferten Äußerungen der Sophisten? Wenig, möchte man erwidern. Wer wissen möchte, was jene Protagoras, Gorgias, jene Antiphon und Kritias, jene Dissoi Logoi und viele mehr lehrten, muss zu den bekannten Einführungen greifen, obwohl es sich durchaus lohnt, die oft informativen Fußnoten des Verfassers zu lesen. Der Autor räumt dieses «Defizit» ohne Umschweife ein. Doch es geht nicht um einen weiteren Abriss der Lehrmeinungen der Sophistik. Es wird dementsprechend auch nicht «Sophistik», sondern «Sophismus» gesagt. Eine doppelte Kontextbildung ist das eigentliche Thema: Es geht um den antiken Kontext, der zur Herausbildung der ersten Konsensdemokratie führte und um unseren Kontext, in welchem von Demokratie geredet wird, die jedoch längst post-demokratische Züge annahm. Dieser Kontext, so das eigentliche Anliegen des Buches, könnte bereichert werden durch prinzipiellen Zweifel, durch eine resolidarisierende Praxis der «Gleichheit der Rechte» (isegoríe), die Herodot den «kostbaren Schatz» der Athener nannte (V.78) und nicht zuletzt durch ein «Mittleres zwischen dem persönlichen Standpunkt und der theoretischen informierten Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse.» (158) Auf diese Weise würden Errungenschaften des ältesten Europa zu Instrumenten einer Politikfähigkeit aller von heute und von morgen werden können, anstatt in einer Tradition antidemokratisch inspirierter Verdikte über die Sophisten an ihrer Geltung gehindert zu bleiben. Das Buch schließt mit einem pro-sophistischen «Prinzip Zweifel.» Dem wäre mit Christina von Schweden hinzuzufügen: «Man muss an allem zweifeln, sogar an seinem eigenen Misstrauen.» Etwas noch Grundlegenderes als das Zweifeln deutet sich an, sollte jedoch endlich Verbreitung finden, bevor die Postmoderne sich als postdemokratischer Trojaner auswirkt: Die Sophisten sind Zeugen und Opfer jener Platonischen und Aristotelischen Inkonsequenz, die allen Menschen Philosophiefähigkeit zusprach und die Mehrzahl von ihrer Ausübung ausschloss. Gegen diese Inkonsequenz, die derzeit mit Studiengebühren, Eliteförderung, Wissenszugangsprivatisierung das Politikziel kultureller Konterrevolution verhüllt, ist Aufklärung an der Zeit, auch jene antike Vorform, die Sophistik.
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Bernhard H. F. Taureck in: Marburger Forum