Verlag WESTFÄLISCHES DAMPFBOOT

Misstrauen gegen den Siegeslauf des angelsächsischen Modells

Jürgen Hoffmann über die Zukunft des Rheinischen Kapitalismus

Der Rheinische Kapitalismus galt lange Zeit als Prototyp des im westlichen Kontinentaleuropa vorherrschenden Kapitalismusmodells der Koordinierten Marktwirtschaft. In ihm spielten Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter eine prägende Rolle. Nun zeigen sich breite Risse im Rheinischen Haus und der Vormarsch der angelsächsischen Alternative, des Liberalen Marktmodells, scheint unaufhaltsam.

Das ist das Thema, das Jürgen Hoffmann diskutiert. Die Betonung liegt auf Diskussion, denn anders als viele seiner Kollegen aus der ökonomischen Zunft weiß er nicht alles besser, enthält sich konkreter Politikempfehlungen und widersteht der Verlockung, sich in die aktuelle Tagespolitik einzumischen. Darin liegt der Vorteil des Buches: Statt gewichtig und aufgemotzt daherkommenden Moden nachzulaufen, bietet der Autor Gediegenes. Es geht ihm um langfristige Entwicklungstrends des Modells eines zivilisierten Kapitalismus. Dabei erweist sich Hoffmann als dialektisch und historisch versierter Ökonom. Er richtet sein Augenmerk immer wieder auf das Unfertige, das Unvollkommene, das Ungeplante und Unerwartete in gesellschaftlichen Transformationsprozessen. Und er belegt mit Verweis auf frühere Phasen den zyklischen Charakter von Umwälzungen, dass auf Zerschlagung traditioneller Ordnungen der Aufbau neuer Ordnungsrahmen folgt. Die Wechselbeziehungen von Enttraditionalisierungsprozessen und Prozessen der erneuten Einbettung sind sein Thema.

Entbettung oder Deregulierung bezeichnen die Entgrenzung des liberalen wie des Koordinierten Marktmodells. Re- Regulierung oder Re-embedding sind - laut Hoffmann - Trends in beiden Modellen, ihre jeweiligen Stärken in der gegenseitigen Systemkonkurrenz auszubauen. Er zieht den häufig prognostizierten Siegeslauf des angelsächsischen Modells in Zweifel. Er misstraut einer Gesellschaft, die zu sehr auf den Markt setzt, allzu viele ausgrenzt, durch sozialkulturelle Spaltungen an innerer Geschlossenheit verliert und dann auf der Suche nach einem äußeren Feind ist. Stattdessen möchte er die sozialen und zivilgesellschaftlichen Akteure in Europa ermuntern, sich auf die Suche nach einem erneuerten Sozialmodell zu machen. Dies allerdings erfordere weit mehr intellektuelle Anstrengung als bisher, denn der gegenwärtigen Vorherrschaft neoliberaler Doktrinen korrespondiere spiegelbildlich mit dem Fehlen eines alternativen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells.

Wiederholt verweist er auf die tiefen Risse im Gebälk der Koordinierten Marktwirtschaften: Die Entgrenzung nationaler Märkte und der Arbeit durch Umstrukturierung des Produktionsprozesses, die neue globale Finanzarchitektur, Entindustrialisierung und Tertiärisierung sowie die Auflösung soziokultureller Milieus sind Megatrends, die die Exit-Optionen des Kapitals erweitern, den Gewerkschaften aber Handlungsfähigkeit und Politikebenen beschneiden. Hoffmann plädiert dafür, die Megatrends aufzunehmen, intelligente Anpassungsfähigkeit zu entwickeln und das Ganze in Strategie- und Politikinnovationen einer modernen Linken zu bündeln. Die Aufgabe ist es, das international entbettete Kapital wieder in soziale Regelwerke einzuordnen. Den Gewerkschaften führt er vor Augen, dass sie ihre »international und gesellschaftlich verloren gegangenen Marktgrenzen« nur dann wieder einholen können, wenn sie einerseits Wege zur Regulierung sozialer und kultureller Vielfalt finden und zum anderen »Ungeheuerliches« leisten und ihr Liedgut ernst nehmen, das die Internationalität beschwört.

Ganz ähnlich argumentiert Jürgen Habermas in seinen politischen Essays, wenn er für die von ihm als postnational bezeichnete Konstellation das Nachwachsen politischer Regeln und sozialer Standards auf transnationaler Ebene fordert. Einen anderen prominenten Bündnisgenossen findet Hoffmann in dem Historiker Tony Judt von der NEW YORK UNIVERSITY, der den europäischen Sozialstaat als eine Voraussetzung ansieht, in einer instabilen Welt Sicherheit und Demokratie zu bewahren. Für ihn ist Europa das einzig tragfähige Modell für die Zukunft der Welt. Jürgen Hoffmann denkt ähnlich, beschreibt es aber weniger emphatisch.


Otto Jacobi in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte/p>

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