Die Renaissance des Regionalen.
Uwe Kröchers Dissertation stellt eine brillante Analyse
regionalwissenschaftlicher Theorien dar. In einer für
Qualifikationsarbeiten ungewohnt organischen Dichte legt er einen klar
aufgebauten und konzis formulierten Text vor.
Der Optimusmus des regionalwissenschaftlichen Mainstreams im New
Regionalism basiert auf der euphorischen Betonung ökonomischer
erfolge von Wchstumsregionen. Für ökonomisches
Handeln wird kleinräumigen Ebenen größere
Bedeutung als der nationalen oder internationalen Ebene zugeschrieben
(Spatial Turn). Für seine kritische Untersuchung des
besonderen Wirkung des Regionalen im ökonomischen Kontext
wählt Kröcher den Zugang über
unterschiedliche Konzeptionen des Schlüsselbegiffs
„räumliche Nähe“. Nach einer
Einführung in die stets aktuelle Debatte des
Raums-Gesellschafts-Verhältnisses in den ersten beiden
Kapiteln werden vielfältige theoretische Begründungen
des Bedeutungsgewinns des Regionalen diskutiert. Dabei erhebt
Kröcher die Pflicht, in Qualifikationsarbeiten Historie und
Stand tangierter Theorierichtungen darzustellen, im dritten Kapitel zur
Tür.
Er rekonstruiert transaktionskosteninstitutionen- und
agglomerationstheoretische Argumentationen, netzwerk- und
Innovationsorientierte Perspektiven sowie soziologische
Interpretationen der Wirkkraft räumlicher Nähe. Den
Schein-Widerspruch aus Regionalisierung und Globalisierung , welcher in
der populären Synthese der
„Glokalisierung“ aufgeht, behandelt der Autor
ebenso wie grundlegende Ansätze zu „industrial
districts“ oder zum „dritten Italien“.
Aus cluster-, netzwerk- und agglomerationstheoretischen
Strömungen der „neuen Orthodoxie räumlicher
Nähe“ extrahiert der Autor die Kernargumentationen
und entwickelt übergreifende Grundperspektiven. Er stellt
hierzu auf Gemeinsamkeiten der Ansätze ab, ohne sich von
unterschiedlichen Nomenklaturen und vermeintlichen theoretischen
Spezifika irritieren zu lassen. Diese Grundperspektiven umfasst er mit
den doppelten Begriffspaaren „ Diversität und
Kohärenz“ sowie
„ökonomisch-funktionale Effizienz und soziale
Konnektivität“.
Dies stellt eine beachtliche Leistung dar. Kröcher beweist
eine konzeptionelle Emanzipation, um die vielfältigen Theorien
in einem eigenen Extrakt zu erfassen. Daneben stellt er eine
Systematisierung der entblößten Argumentationen
über die Wirkmächtigkeit räumlicher
Nähe. Sein Vorschlag basiert auf sechs zentralen Darlegungen,
die den zuvor verdichteten Theorien entstammen. Für eine
kritische Untersuchung der theoretischen Bedeutung des Regionalen
bietet er somit ein elaboriertes Forschungsprogramm an.
Entlang dieser Systematisierung führt das vierte Kapitel zu
der Erkenntnis, dass die Argumentationen des Bedeutungsgewinns
räumlicher Nähe auch das Gegenteil beweisen
können.. Zudem wird die regionale Ebene unter
Vernachlässigung innerer Widersprüche und einer
fragwürdigen Zuordnung gesellschaftlicher Prozesse stilisiert.
Flankiert von einer Auswertung empirischer Untersuchungen der letzten
zehn Jahre in Kapitel fünf gelangt der Autor zu dem
differenzierten Ergebnis, dass neben der Bedeutung des regionalen
Zugriffs auf Ressourcen durch Diversität und
ökonomisch-funktionale Effizienz überregionale
ökonomische Beziehungsgeflechte mindestens
gleichermaßen einen Bedeutungsgewinn erfahren.
Diese Rekonstruktion und Dekonstruktion vielfältiger Theorien
der Regionalwissenschaften stellt eine brillante konzeptionelle
Leistung dar. Uwe Kröcher ist es gelungen, eine theoretisch
fundierte Kritik der als uneingeschränkt angenommenen
Wirkmächtigkeit räumlicher Nähe zu
formulieren. Die fehlende schließende Klammer in den
kritischen Diskussionen des New Regionalism bietet er hiermit an. Es
bleibt zu hoffen, dass seine Arbeit innerhalb dieser Debatte angemessen
gewürdigt wird.
Florian Lüdeke in
Ökologisches Wirtschaften 3/2007
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