Verlag WESTFÄLISCHES DAMPFBOOT

Regieren durch Gemeinschaft
Foucault in der Stadt: Boris Michel legt eine der ersten Anwendungen des Gouvernementalitätsansatzes in deutscher Sprache vor

Wie schon die Entwicklung moderner Großstädte wird auch jene der postmodernen Städte von kulturkonservativen Wehklagen über Verfall und Niedergang begleitet. So werden soziale Spaltungen beklagt und räumliche Fragmentierungen moniert. Diese sind aber, so Boris Michel in seinem neuen Buch, keine zeitgenössischen, sondern universale urbane Phänomene. Aktuell sei vielmehr die Uneindeutigkeit jener, die gegen alle möglichen Zersplitterungen wettern und dagegen vorgehen wollen. Denn hier finden sich keineswegs nur rechte Fans von Zero Tolerance-Konzepten, sondern auch alternative VertreterInnen kommunitaristischer Gemeinschaftskonzepte.

Um das herauszuarbeiten stützt sich Michel auf den so genannten "Gouvernementalitätsansatz" von Michel Foucault (Vgl. GWR 290).

Seit einigen Jahren ist die akademische Diskussion auch im deutschsprachigen Raum fasziniert von dem, was Foucault zwischen seiner Auseinandersetzung mit der Macht und seinen Untersuchungen zum Subjekt gedacht hat. In den späten 1970er Jahren beschäftigte sich der französische Philosoph mit neuen Regierungsformen und schuf damit letztlich auch die Verbindung zwischen beiden, Macht und Subjekt. Denn nicht Strategien und Taktiken von Staatsangestellten lagen in seinem Interesse, sondern ganz allgemein Formen der "Führung". Wie Menschen geführt werden und wie sie sich (auf-)führen. Gouvernementalität wird das deshalb genannt, weil regieren (gouverner) mit Denkweisen (mentalité) zusammen gedacht und analysiert werden sollen.

Foucault machte dabei einen Paradigmenwechsel aus. Insbesondere mit dem Aufkommen des Neoliberalismus und mit der im Zuge seiner Durchsetzung betriebenen Ökonomisierung des Sozialen hätten sich auch die vorherrschenden Machttechniken verändert. Hatte Foucault die Genese und den theoretischen Rahmen der von ihm so genannten Biopolitik noch ausgeführt, hinderte ihn sein Tod 1984 daran zu beschreiben, wie und wo genau die neuen Techniken zum Einsatz kommen. Einen Versuch, diese Art der Zeitdiagnose zu betreiben, legt nach einigen Publikationen aus den Reihen der "gouvernementality studies" nun auch Boris Michel vor. Gegenstand von Michels Studie ist die postmoderne Stadt und die Diskurse, die sich um ihre Gestaltung formieren.

Michel zeichnet mit den Debatten um New Urbanism, Gated Communities und (Shopping) Malls die drei wichtigsten Tendenzen postfordistischer Stadtentwicklung nach. Zwar aus verschiedenen politischen Lagern kommend, treffen sich die jeweiligen Konzepte offenbar alle in einem, je unterschiedlich ausformulierten Punkt: Sie alle setzten auf die Vorstellung, planerisch-architektonisch zur Herstellung identitätsstiftender Gemeinschaften beitragen zu können. Diese sollen dann wahlweise und je nach politischem Hintergrund als Mittel gegen steigende Kriminalitätsraten oder gegen Anonymität und Vereinzelung aufgeboten werden.

Dabei stellt Michel heraus, dass all diese Gegenmodelle als "Tendenzen der Vereinheitlichung, (Neu-)Ordnung und Sicherung" gerade nicht dazu angetan sind, die beklagten Mängel zu beheben. Stattdessen, und das ist die wichtigste und überzeugend herausgearbeitete These des Buches, gehören sie zu den Momenten, die Marginalisierung und neue Armut verschärfen. Neu an der Armut ist u.a., dass sie städtisch und nicht mehr in erster Linie ländlich ist.

Schwarz bzw. migrantisch und weiblich ist sie nach wie vor. Wird Ausgrenzung von rechts eher repressiv betrieben, werden von links tendenziell kulturelle Ausschlüsse fabriziert. Beiderlei Bemühungen aber, Homogenität herzustellen und Spaltungen zu vermeiden, machen den "Kern städtischer Regierungsweisen" aus.

Michel bietet mit seiner Zusammenschau nicht nur einen Überblick über die verschiedenen Ansätze der neueren Stadtforschung. Durch seine prononcierte Zuspitzung ist es ihm gelungen, die bislang getrennt existierenden Strängen zu einer kritischen Gouvernementalitätsstudie zu verknüpfen. Er folgt bezüglich der Gouvernementalität vor allem der Foucault-Interpretation von Nicolas Rose. Wie der Londoner Soziologe hält er die Community für eine der gegenwärtig entscheidenden politischen Regulationsinstanzen.

Auch die postfordistische Stadt fokussiert er damit theoretisch wie zeitdiagnostisch auf die Formel "Regieren durch Gemeinschaft". Die neuen Gemeinschaften werden dabei dem alten Wohlfahrtsstaat gegenüber gestellt. Auch wenn der Sozialstaat ein Auslaufmodell ist, folgt daraus jedoch weder diagnostisch noch normativ notwendiger Weise die Abkehr vom Nationalstaat. Sicherheit, von Foucault als die zentrale gouvernementale Machttechnik bestimmt und als Ergänzung von Disziplin und Kontrolle gedacht, ließe sich ohne weiteres auch als Moment erweiterter Staatlichkeit diskutieren. Denn ob Regierung künftig hauptsächlich über Gemeinschaften ausgeübt wird, und nicht vom - sicherlich in die Individuen hinein verlängerten - Staat, muss auch unter neoliberalen Bedingungen bezweifelt werden. Schwieriger erscheint es allerdings, gegen die nach wie vor staatlich regulierten migrations-, bildungs- oder sicherheitspolitischen Maßnahmen anzugehen. Soziale Bewegungen, derer es dazu bedarf, sind fast immer auf Identitätspolitiken angewiesen. Dass solche Politik in Wir-Form symbolische Mauern baut und wohin das führen kann, steht auch in Michels Buch.

Jens Kastner in: Graswurzelrevolution Nr. 303

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