Fast ganz unten
Köln, 03.03.2009: Inzwischen sieht man sie in jeder großen Stadt immer häufiger: LKWs, die bei Supermärkten Paletten voller alter Joghurts und Kisten nicht mehr ganz frischen Obstes einladen. Diese LKWs, oder vielmehr die Initiative, die dahintersteckt, die alten Waren einsammelt und kostenlos oder zu symbolischen Beträgen an bedürftige Personen abgibt, ist auf dem Weg dahin ein Pfeiler im Fürsorgesystem Deutschlands zu werden. Durch die Einführung der Hartz-Gesetzgebung haben diese sogenannten Tafeln einen regelrechten Boom in Deutschland erlebt.
Wie die Situation der Tafel im Moment aussieht und welche Rolle ihnen in Zukunft zukommen könnte, hat Stefan Selke beschrieben. Ambivalent ist es ja schon: Afrika spendet Edelkaffee für die Tafeln in Deutschland. Ist Deutschland nun schon soweit, dass es selber "Entwicklungshilfe" in Anspruch nehmen muss? Nein, es handelte sich um das Dankeschön Kenias für medizinische Unterstützung durch Deutschland. Dennoch trat durch diese Pressemeldung etwas in den Vordergrund, was in unserer Wohlfahrtsgesellschaft stillschweigend für die Versorgung von einer Millionen Menschen verantwortlich ist. Die Tafeln erfüllen im wohlfahrtsstaatlichen Deutschland eine unverzichtbare Aufgabe. Lange Zeit wurden durch die Tafeln Obdachlose oder Einrichtungen wie Frauenhäuser oder Suchthilfestellen versorgt. Seit die Hartz-IV-Gesetze aber in Kraft traten, boomen die Tafeln und Tafel-Läden. Zu den "Kunden" gehören jetzt auch Arbeitslose, Rentner, Alleinerziehende und Geringverdiener. Das brisante daran ist, dass diesen Menschen von staatlicher Seite eigentlich eine Grundversorgung garantiert wird. Diese ist aber anscheinend bei weitem nicht ausreichend, so dass diese Menschen das Angebot der Tafeln dankend in Anspruch nehmen (müssen). Sieht Deutschland so also auf dem Weg zum "aktivierenden Sozialstaat" aus? Die Tafelbewegung ist also auch eine höchst politische Angelegenheit. Doch scheint es, als würden die Tafeln den ihnen zukommenden politischen Gestaltungsspielraum nicht in Anspruch nehmen (können).
Stefan Selke zeichnet ein lebensnahes Bild eines Teils der deutschen Gesellschaft. Dabei lässt er in seinem Text die Beteiligten, sowohl ehrenamtliche Helfer als auch Bedürftige, zu Wort kommen und streut Fallbeispiele unterschiedlicher Tafeln ein. Unterstützt wird das Ganze durch eine kleine aber aussagekräftige Einheit der "Welt der Tafeln in Bildern". Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise wird einem das Thema "neue" Armut wieder bewusst. Selkes packendes Buch schafft Ansätze dafür, sich aus einem anderen Blickwinkel mit der Gesellschaft, derer wir ein Teil sind und die wir aktiv mitgestalten können und sollten, auseinanderzusetzen. In diesem Zusammenhang ist auch die Webseite www.tafelforum.de interessant, auf der alles zum Buch und zu den Tafeln in Deutschland sowie ein interessantes Forum zur aktiven Beteiligung an der Diskussion bereitsteht.
Rezension von KATALYSE - Institut für angewandte Umweltforschung
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