Verlag WESTFÄLISCHES DAMPFBOOT

Gewerkschaften und Rechtsextremismus

Wie rechtsextrem sind deutsche Gewerkschafter? Um das herauszufinden führten Politikwissenschaftler 2003 insgesamt 4.000 Interviews durch, die Hälfte der Befragten waren Gewerkschaftsmitglieder. Ein Fünftel muß, nach der gängigen Definition, als eindeutig rechtsextrem eingestuft werden. Dabei gibt es keinen Unterschied bei rechtsextremen Neigungen zwischen gewerkschaftlich Organisierten und Unorganisierten. Mehr noch, in der "Arbeitermittelschicht" finden sich bei den Mitgliedern sogar anderthalb mal mehr Rechtsextreme. Die deutschen Gewerkschaften stützen sich bekanntlich besonders auf Facharbeiter und Angestellte und Beamte im öffentlichen Dienst. Gerade unter ihnen neigen viele zu extrem rechten Erklärungen - übrigens auch, um die narzißtische Kränkung zu verarbeiten, nicht mehr als die Schöpfer der "deutschen Wertarbeit" privilegiert zu werden.

Dieses Ergebnis habe sie "teilweise erschüttert", schreiben die linksgewerkschaftlichen Autoren, schließlich stehe Rechtsextremismus im Widerspruch zu "einem geschlossenen gewerkschaftlichen Überzeugungssystem". Es ehrt sie, daß ihnen die Verbindung aus proletarischer Interessensvertretung und solidarischem Internationalismus selbstverständlich erscheint. Allerdings legen ebendiese proletarischen Interessen nahe, nationale und auch sexistische Grenzen zu ziehen, um die eigene Arbeitskraft vor weltweiter Konkurrenz zu schützen, wie beispielsweise Beverly Silver kürzlich gezeigt hat. Deshalb ist es überhaupt kein Widerspruch, daß amerikanische Gewerkschaften gegen die ausländische "Billigkonkurrenz" lateinamerikanischer Mitproletarier mobilisieren - oder in Deutschland die IG Bau ihre Mitglieder zur Denunziation der Kollegen ohne Aufenthaltserlaubnis anstiftet.

Der Band referiert nicht nur die Ergebnisse der soziologischen Studie, sondern erklärt sie im nationalen und internationalen Zusammenhang. Ergänzt wird die Analyse durch Interviews mit antirassistischen Gewerkschaftsaktiven und Vorschlägen für eine Gegenstrategie. Aus naheliegenden Gründen sind letztere der schwächste Teil dieses kundigen und wichtigen Buchs. Gefordert wird ein "Kampf um die Köpfe", um "Deutungshoheit wiederzuerlangen". Dieser Kampf kann sicher nicht mit Bildungsseminaren gewonnen werden, sondern wiederum nur in Arbeitskämpfen, die deutsche und ausländische Beschäftigte und Arbeitslose gemeinsam mobilisieren. Daß hiesige Gewerkschaften dazu in der Lage wären, ist, wie die "Internationalisierung der Gewerkschaftsarbeit", ein frommer Wunsch. Gerade weil ihre Kampfform sich in Appellen in alle Richtungen erschöpft, sind sie riesige und effektive Phlegmaerzeugungsmaschinen.


Matthias Becker in: Konkret Juli 2007

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