Verlag WESTFÄLISCHES DAMPFBOOT

Ein schmales Bändchen regt zwischen dem 1. Mai und dem 1. August zum Nachdenken über «Gewerkschaften und Rechtsextremismus» an


Vor zwei, drei Jahren kam aus Deutschland die Meldung über eine Studie, nach der auch oder gerade Gewerkschaftsmitglieder anfällig für rechtes Gedankengut seien. Ein kurzes Erschrecken, ein paar Fragen dazu. Und schon war die Nachricht vergessen. Nun liegt eine kommentierte Kurzfassung jener Untersuchung vor. Sie scheint auch für hiesige Linke von Interesse, nach dem 1. Mai und vor dem 1. August…

Ein erschreckender Spiegel
Die vom Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin durchgeführte Repräsentativuntersuchung wurde von einer Kommission in Auftrag gegeben, die sich beim Deutschen Gewerkschaftsbund mit dem Rechtsextremismus befasst. «Ausgangspunkt war die Frage, ob Gewerkschaftsmitglieder als Spiegelbild der Gesellschaft anzusehen sind, weil sie genauso den globalen, sozialen und politisch-kulturellen Veränderungen ausgesetzt sind wie Nicht-Mitglieder.» In einem Bericht aus dem Jahre 2000 hatte die Kommission vermutet, ihre Leute wären wohl etwa gleich anfällig für rechte Parolen wie die Unorganisierten. Das mit der Befragung betraute Forschungsteam war optimistischer: «Aus dem Selbstverständnis der Gewerkschaften als Interessenvertretung der Arbeitnehmer und den damit gegebenen Motiven, ihnen beizutreten, begründeten wir die Erwartung, dass sich Mitglieder soziologisch und politisch deutlich von den Nichtmitgliedern unterscheiden.» Dies bestätigte sich leider nicht. Ein «zusammenhängendes gewerkschaftliches Überzeugungssystem» war nur bei den Funktionären mehr oder minder ausgeprägt zu finden. Selbst bei ihnen, so zeigten die Gruppengespräche der anschliessenden qualitativen Studie, herrscht häufig Ratlosigkeit, wie der Verunsicherung an der Basis zu begegnen wäre. «Gewerkschaften sind darauf angewiesen zu zeigen, dass es eine humane, demokratische, solidarische politische Orientierung nicht zwischen, sondern jenseits von Neoliberalismus und Rechtsextremismus gibt.» Vom traditionellen Partner, der SPD, kommt heute diesbezüglich kaum noch Hilfe.

Der erschreckendste Befund der Untersuchung war, dass unter den Angehörigen der sozio-ökonomischen Mittelschicht die gewerkschaftlich Organisierten «erheblich anfälliger für Rechtsextremismus» sind als Nichtmitglieder. Und beinahe die Hälfte der Mitglieder entstammt in Deutschland genau dieser Schicht, für die «Facharbeiter und Angestellte in unteren Leitungspositionen» charakteristisch sind, Personen mit meist niedrigen allgemeinen Bildungsabschlüssen und – relativ – hohen Einkommen, also Menschen, die sich «im Beruf hochgearbeitet» haben. Während sich in der Unterschicht sowie in der Oberschicht die Gewerkschaftsmitglieder tatsächlich resistenter zeigten als der Bevölkerungsdurchschnitt, scheinen «die massgeblichen Trägergruppen der Gewerkschaften besonders wenig immun». Unter den Mitgliedern in westdeutschen Grossbetrieben wären 19 Prozent «rechtsextrem eingestellt» und zeigten eine markante Tendenz zu «Wohlstandschauvinismus ». Sie finden, es gehöre «zu den Aufgaben der Gewerkschaften, Arbeitsplätze in erster Linie für Deutsche zu verteidigen », eine starke Hand, die in diesem Sinne eingreifen würde, wäre willkommen. «Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken.»

Gewerkschafter, so ein Erklärungsversuch, fühlten sich heute oft als doppelte Verlierer. Nicht nur der allgemeine wirtschaftliche Wandel, sondern auch die neoliberal geprägten «Reformen» unter einer rot-grünen Regierung weckten Abstiegs- und Existenzängste. Frust führe bei passiven Mitgliedern zu einer «Abwendung von den Gewerkschaften als kompetenten und deutungsfähigen Organisationen » und in der Folge oft auch hin zu rechten Ideologien. Für die Aktiven gelte das weniger, doch eine Minderheit von neun Prozent der Funktionsträger neige gar einem «Hardcore-Rechtsextremismus» zu. Offensichtlich könne «enttäuschtes Engagement auch umkippen ». Da wird dann auch Demokratie zum zweitrangigen Wert und antisemitische Sprüche finden Anklang.

Solidarität? Ja wo denn?
Die soziale Gerechtigkeit, das zeigt der Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt, ist Gewerkschaftsmitgliedern besonders wichtig, an Marktfreiheit glauben sie weniger als die Unorganisierten. Doch das schützt nicht gegen rechtsextreme Deutungen der Lage. Nach linker Tradition gehören zur Gerechtigkeit «auch Gleichheit, Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen», was eigentlich rassistische und nationalistische Diskriminierung ausschliesst. So weit reicht die Überzeugung jedoch selten. In den Gruppendiskussionen wurde das kalt gewordene gesellschaftliche Umfeld beklagt. «Jeder guckt auf sich, jeder hat für sich Angst.» Bitter die Feststellung, heute könnten die Betriebsräte höchstens noch Einfluss auf das Tempo der Verschlechterung der Lage der Beschäftigten nehmen, statt ihnen Anteile am wachsenden Mehrprodukt zu sichern.

Wenn es «wirklich ans Eingemachte geht», ist einem Gesprächsprotokoll zu entnehmen, um den Job oder nur schon um den Verdienst, sei sich jeder selber der Nächste. «Also Solidarität: Da braucht mir niemand mit kommen. Das ist Quatsch.»

Auf den zweiten Blick
Die dem Text beigegebenen Bilder von Protestaktionen aller Art zeigen, dass rechts und links oft tatsächlich erst auf den zweiten Blick unterscheidbar sind. «Arbeit für Millionen statt Profite für Millionäre» – ein Transparent der NPD am 1. Mai! Unter der Flagge der IG Metall ein markiger Mann mit der Parole: «Globalisierung zur Gewinnvermehrung ist Verrat am Vaterland!!» Notabene könnte auch die gewaltstrotzende Faust, welche auf dem Schild einer jungen Frau bei der Antifa-Demo ein Hakenkreuz zertrümmert, als grafisches Element gut der Gegenseite dienen. Rostock und Schwerin lieferten dazu dieser Tage neue Illustrationen. Es gelte, mahnen die Autoren der Studie, nicht zuletzt im wichtigen und notwendigerweise breiten Bündnis der globalisierungskritischen Bewegung «genauer hinzuhören, und auch die eigene Aufmerksamkeit dafür zu schärfen, wo linke und demokratische Sozialkritik eine Wende zu antidemokratischen, rassistischen und nationalistischen Ideologien nimmt».

Hans Steiger in: P.S.



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