Freuds unnatürliche Wissenschaft

Soziologische Lektüren

Die von Marx und Freud – im Abstand von nur drei Jahrzehnten – entwickelten Kritiken (der politischen und der seelischen Ökonomie) galten der Suche nach einem Ausweg aus der Gesellschaft der Ungleichheit, der Krisen und Kriege, die noch die unsere ist. Marx versuchte, das Rätsel des Mehrwerts zu lösen, Freud dasjenige von Neurose und Traum. Beiden gab Ludwig Feuerbachs defetischisierender, „anthropologischer“ Materialismus den Anstoß zur Entwicklung ihrer eigenen Materialismen – des historischen und eines biologischen, der zum historischen tendiert. Beide übernahmen von Feuerbach – dem Schüler und Kritiker Hegels und Schellings – das emanzipatorische Verfahren, die Genese bewusstlos zustande gekommener, in der Generationenfolge tradierter und obsolet gewordener kultureller „Institutionen“ (Idole, Tabus) dialogisch zu rekonstruieren, um (Klassen-Individuen) deren Revision zu ermöglichen. Beide setzten – gegen historische und biographische Amnesie – auf Anamnesis, also Selbstreflexion. Freuds neue Wissenschaft vom Unbewussten, eine Kritik von Pseudonatur, kam maskiert als „Naturwissenschaft von der Seele“ auf die Welt und wurde inkognito – als eine darauf basierende „Technik“ – tradiert. Eine Revision dieser Missverständnisse ist noch immer nicht erfolgt, und so ergänzt der Autor die 2012 erschienene “Unnatürliche Wissenschaft” in dem vorliegenden Band mit einer neuen Folge von Variationen zu diesem unerschöpflichen Thema.

Über die Autor:innen

Helmut Dahmer studierte Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft in Bonn, Göttingen (bei Plessner) und Frankfurt am Main (bei Horkheimer, Adorno und Habermas). 1968 bis 1992 redigierte er die psychoanalytische Monatszeitschrift Psyche, 1974 bis 2002 lehrte er Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Unter seiner Ägide erscheint eine mehrbändige Ausgabe von Schriften Leo Trotzkis. Gegenwärtig lebt er als freier Publizist in Wien. Zuletzt erschien von ihm Antisemitismus, Xenophobie und pathisches Vergessen. Warum nach Halle vor Halle ist und in Kürze die 2. Auflage von Freud, Trotzki und der Horkheimer Kreis, beide Münster 2020 .Beitrag zu Helmut Dahner auf: www.kritik.netz.de