Widersprüche Heft 180

Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse

Die ökologische Krise ist eingewoben in multiple soziale, d. h. sozioökonomische Krisen. Das Soziale der ökologischen Krise lässt sich über den Begriff der gesellschaftlichen Naturverhältnisse bestimmen. Gemeint ist die gesellschaftliche Ausgestaltung und Regulierung der Beziehungen der Menschen zu ihrer äußeren wie auch ihrer jeweils inneren Natur, die in der Moderne vorwiegend in einem herrschaftsförmigen Zugriff auf diese geformt wurden und werden. Zugleich impliziert der Begriff aber nicht nur eine analytische Bestandsaufnahme der vorfindlichen gesellschaftlichen Naturverhältnisse, sondern auch die Aufforderung, sie emanzipatorisch um- bzw. von Grund auf neuzugestalten, wie etwa aktuelle geschlechtertheoretische Begriffskonturen deutlich machen. Das Heft will gesellschaftstheoretische Perspektiven auf die Krise gesellschaftlicher Naturverhältnisse und ihre transformative Überwindung stärker in die Diskussionen um eine pädagogische wie politische Arbeit am Sozialen einbringen und in diesem Sinne die Analyse der sozialen Dimension der ökologischen Krise weiterentwickeln. Es umfasst theoretische Beiträge zu Krisenanalysen und empirische Studien zu Transformationsfolgen für Praxis und Adressat:innen.

Über die Widersprüche

Widersprüche: Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich

Gesellschaft als „Diskurs der Wünsche” meint das Verfertigen des Sozialen im Prozess des sozialen Diskurses, nicht Unterwerfung unter vorgefertigte Normierungen.
(Niko Diemer, 1952–1992)


1981/82 gründeten Mitglieder der Arbeitsfelder Gesundheit, Sozialarbeit und Schule des Sozialistischen Büros die Zeitschrift Widersprüche. In dieser Zeit des grünen Aufbruchs und der radikalisierten konservativen Wende versuchten sie eine erste Standortbestimmung als Redaktionskollektiv: „Verteidigen, kritisieren, überwinden zugleich”. Unter dieser Programmatik wollten sie als Opposition dazu beitragen, die materiellen Errungenschaften des Bildungs- und Sozialbereichs zu verteidigen, dessen hegemoniale Funktion zu kritisieren und Konzepte zu ihrer Überwindung zu konkretisieren. Zur Überzeugung gelangt, dass eine alternative Sozialpolitik weder politisch noch theoretisch ausreichend für eine sozialistische Perspektive im Bildungs- und Sozialbereich ist, formulierten sie den ersten Versuch einer Alternative zur Sozialpolitik als Überlegungen zu einer „Politik des Sozialen”. An der Präzisierung dieses Begriffes, an seiner theoretischen und politischen Vertiefung arbeiteten sie, als die Frage nach der „Zukunft des Sozialismus nach dem Verschwinden des realen” 1989 auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Das Kenntlichmachen der „sozialen Marktwirtschaft” als modernisiertem Kapitalismus im Westen und Kapitalismus „pur” im Osten erleichtert zwar die Analyse, gibt aber immer noch keine Antwort auf die Frage nach den Subjekten und Akteuren einer Politik des Sozialen, nach Kooperationen und Assoziationen, in denen „die Bedingung der Freiheit des einzelnen die Bedingung der Freiheit aller ist” (Kommunistisches Manifest).
Wer in diesem Diskurs der Redaktion mitstreiten will, ist herzlich eingeladen.